Sonntag, 26. März 2017

[Er wartet auf dich] Kapitel 22

Vor der Tür ihres verhassten Nachbarn atmete Ruth noch einmal kräftig durch. Sie spürte, wie die Angst wieder in ihr aufkam, doch sie wollte dies­mal nicht zurückschrecken. Sie nahm sich vor, durchzuhalten und es vor allem durchzuziehen. Sie musste es ihren Eltern beweisen. Sie musste es sich selbst beweisen.
Wenn sie es nicht schaffen würde, hatte Wolff ihr komplettes Leben zerstört. Er nahm bereits ihre Unschuld. Er nahm ihr ihre geliebte Großmut­ter. Aber er nahm ihr nicht das Leben. Das ver­sprach sie sich in diesem Augenblick und dann klopfte sie an. Fünfmal kurz und zweimal lang.
Einen Moment später öffnete Tobias die Tür.
Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt nach.
Ich habe dir einen Kuchen gebacken“, sagte sie mit angestrengter Freundlichkeit. Der Polizist guckte sie verdutzt an.

Dann komm rein“, bat er sie lächelnd. Aber Ruth spürte seine Skepsis.
Sie holte erneut tief Luft. Dann betrat sie die Wohnung. Mit einem Schritt stand sie drin. Zaghaft blickte sie umher. Sie traute sich zunächst nicht, die Kommode anzuschauen. Doch dann tat sie es einfach und bemerkte, dass das Foto nicht mehr da war. Sie stellte den Teller mit dem Kuchen statt­dessen auf der Kommode ab. Dann schaute sie Tobias an und fragte:
Hilfst du mir?“
Natürlich“, antwortete er sofort und nahm sie unter die Arme. Sie hielt ihn ganz fest. Mit seiner Hilfe betrat sie das erste Zimmer. Es war das Wohnzimmer, in dem sie bereits das Sofa gese­hen hatte. Sie schaute sich um. Es war ein ganz normales Wohnzimmer. Zwar ein wenig bieder eingerichtet, aber es war nichts Besonderes. Ge­genüber des Sofas hing ein Flachbildfernseher an der Wand. Darum war eine dunkelbraune Wohn­wand aufgebaut. Rechts daneben ging es zum Balkon. Die Vorhänge waren weiß und mit einem gestickten Blumenmuster. Das sah ziemlich weib­lich aus, fand Ruth. Der Wohnzimmertisch war aus Glas und sehr schlicht. Ein dunkelbrauner Massagesessel aus Leder stand ebenfalls daneben.
Die Tapete war weiß, aber Ruth merkte, dass sie schon ein wenig vergilbt war. An einigen Stel­len sah man die Abdrücke von Bilderrahmen. Tobi­as bemerkte, dass es Ruth aufgefallen war.
Wie versprochen, habe ich alle Fotos abge­hängt“, erklärte er.
Sie ließ von dem Polizisten ab und machte al­lein ein paar Schritte zur Wohnwand. Auf der einen Seite war eine Vitrine, in der sich Gläser, aber auch ein paar wenige Porzellanfiguren befan­den. Katzen. Die Achtzehnjährige fand diese Nor­malität seltsam. Auf der anderen Seite standen ein paar Bücher auf dem Regalbrett. Sie entdeckte die Romane von Dan Brown. Doch da waren auch ein paar Kinderbücher. Pipi Langstrumpf und das Sams.
Ruth wunderte sich. Kinderbücher? Warum hat­te Herr Wolff Kinderbücher?
Tobias trat an sie heran und sprach leise:
Er hatte eine Tochter.“
Überrascht zog sie ihre Augenbrauen nach oben. Das konnte sie nicht glauben.
Wie bitte?“, fragte sie ungläubig.
Das haben meine Kollegen und ich herausge­funden. Er hatte eine Tochter. Isabel hieß sie. Er wurde recht jung Vater, er war damals gerade voll­jährig geworden, aber die Beziehung zu seiner da­maligen Freundin hielt nicht lange an. Aber seine Tochter liebte er wohl sehr, denn er besuchte sie regelmäßig in Frankfurt.
In Frankfurt?
Ruth traf es wie ein Schock. Es haute sie völlig von den Socken. Fast verlor sie das Gleichge­wicht, doch Tobias hielt sie fest.
Soll ich lieber damit aufhören?“
Nein“, antwortete sie sofort. „Sprich weiter. Ich will alles wissen.“
Also erzählte er von Anfang an:
Kevin Wolff wurde mit 18 Jahren Vater. Seine damalige Freundin war seine Jugendliebe. Sie hatten es nicht geplant, aber sie wurde trotzdem schwanger. Ihre Beziehung hielt nicht mal bis zur Geburt von ihrer Tochter Isabel. Seine Exfreundin heiratete wenige Jahre später einen Türken, den sie im Internet kennenlernte. Sie zog zu ihm nach Frankfurt. Da Wolff aber seine Arbeitsstelle hier gefunden hatte, besuchte er seine Tochter regel­mäßig in Frankfurt. Manchmal kam Isabel aber auch nach Hamburg. Daher auch die Kinderbüc­her.“
Du sprichst von Isabel in der Vergangenheit“, wunderte sich Ruth.
Ja. Das Mädchen bekam mit zwölf Jahren Leukämie und starb daran. Das nahm Wolff sehr mit und ich befürchte, dass er damit bis heute nicht klargekommen ist.“
Lass mich raten“, sprach Ruth mit Bitterkeit in der Stimme, „sie ist in Frankfurt begraben und er sucht regelmäßig ihr Grab auf.“
Du hast ins Schwarze getroffen“, bestätigte er.
Ruth spürte kein Mitleid mit dem Mädchen. Sie dachte nur daran, dass ihr Tod ihrem Vergewalti­ger sehr wehgetan haben musste und das emp­fand sie als kleine Genugtuung.
Vielleicht solltest du dich setzen“, empfahl To­bias Ruth, doch sie wollte unter keinen Umstän­den auch nur etwas in dieser Wohnung anfassen. Daher lehnte sie ab:
Es geht schon“, versicherte sie.
Dann mach dich aber bitte auf etwas gefasst. Es wird dich sicherlich treffen.“
Ich schaffe das schon. Erzähl!“ Sie konnte ihre Ungeduld kaum verbergen.
Also gut“, seufzte der Polizist und berichtete weiter. „Kurz nach dem Tod seiner Tochter bist du mit deiner Familie in die Wohnung nebenan gezo­gen.“
Ruth erschrak. Sie ahnte etwas.
Damals war ich zwölf.
Darf ich dich fragen, ob dir jemals etwas aufge­fallen ist?“
Ruth dachte angestrengt nach. Tatsächlich ka­men ihr jetzt ein paar Erinnerung. Zum Geburtstag und zu Weihnachten lag immer ein Spielzeug vor der Haustür. Wenn sie Wolff im Hausflur begegnet war, war er stets unheimlich freundlich zu ihr, aber sie sah ihn nur als Nachbarn an und hielt die Gespräche mit ihm meist sehr kurz. Mehr als ein 'Guten Tag' schenkte sie ihm nicht.
Heute wäre Isabel ebenfalls 18 Jahre alt“, fuhr Tobias mit seinen Ausführungen fort.
Meinst du, das steht irgendwie in Zusammen­hang?“, hakte sie nach.
Ich bin kein Psychologe, aber ich befürchte, er hat irgendwas auf dich projiziert, was du nicht er­füllen konntest. Und dadurch ist er irgendwann durchgedreht.“
Ruth fing zu zittern an. Ihr lief es eiskalt den Rücken hinunter. Sie konnte nicht glauben, was sie da gerade hörte.
Das ergibt doch keinen Sinn“, hauchte sie schließlich angestrengt. „Ich verstehe das nicht.“
Tobias nahm sie in den Arm und hielt sie fest. Er sprach ruhig auf sie ein:
Alles wird gut. Beruhige dich. Ich bin bei dir.“
Ich verstehe das nicht“, schluchzte sie. Ihr stie­gen die Tränen in die Augen. „Wenn er doch seine Tochter irgendwie in mir sah, wie konnte er mir das nur antun?“
Da bin ich auch überfragt“, antwortete ihr der Polizist. „Vielleicht hat er irgendwann gemerkt, dass das nicht klappt. Dass du nicht seine Tochter bist und es auch nie sein wirst. Und dann ist er völlig durchgeknallt.“
Und dann bin ich ihm im Zug über den Weg gelaufen und war das erste Mal freundlich zu ihm. Ich begreife das immer noch nicht.“
Das muss man vielleicht auch gar nicht. Darum sollen sich Psychologen kümmern.“
Ruth löste sich von Tobias und wischte sich die Tränen ab. Dann sagte sie:
Vielen Dank, Tobias. Ich muss das erst einmal sacken lassen. Bringst du mich bitte zur Tür.“
Selbstverständlich.“
Ruth verabschiedete sich von ihm und ging zu­rück zu ihren Eltern. Diese erwarteten sie schon und wollten wissen, wie es ihr ging. Doch Ruth bat sie darum, sie zunächst allein zu lassen. Dann ging sie in ihr Zimmer und legte sich ins Bett.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen