Sonntag, 19. März 2017

[Er wartet auf dich] Kapitel 21

Wir müssen mit dir reden“, forderte der Vater Ruth auf. „Kommst du bitte ins Wohnzimmer.“
Sie ahnte schon, was sie erwartete und hatte keine Lust auf das folgende Gespräch. Widerwillig stieg sie aus dem Bett. Als sie das Wohnzimmer betrat, saßen ihre Eltern schon nebeneinander auf dem Sofa.
Bitte setz dich“, sagte der Vater und zeigte auf den Sessel, der ihnen gegenüber stand. Ruth seufzte und nahm Platz.
Liebes“, begann ihre Mutter, „wir machen uns große Sorgen um dich. Du bist nur noch in der Wohnung und gehst gar nicht mehr vor die Tür. Du bist schon ganz blass.“
Mir geht es gut“, war ihre knappe Antwort. Was ihren Körper betraf, stimmte das ja auch. All ihre Verletzungen waren geheilt. Sogar der Aidstest, den sie machen ließ, war negativ. Durch die Ver­gewaltigung war ihr keine schreckliche Krankheit übertragen worden.
So geht das nicht weiter“, fuhr der Vater mit ernster Stimme fort. „Dein Chef wird dir nicht ewig deine Stelle freihalten. Bald bekommst du die Kündigung.“
Ich bin doch krank geschrieben“, versuchte die Achtzehnjährige einzuwenden.
Das wird dir nichts nützen“, widersprach der Vater.

Jedenfalls“, lenkte die Mutter ein, „haben wir uns etwas überlegt. Du musst dringend eine The­rapie machen. Das wird dir sicherlich helfen.“
Ruth wusste nicht, was sie entgegnen sollte. Ihre Eltern hatten ja recht, aber wie sollte sie zu einem Psychologen gehen, wenn sie sich nicht traute, die Wohnung zu verlassen.
Wir begleiten dich auch dahin“, versprach der Vater.
Ruth blieb ganz ruhig und senkte ihren Kopf. Sie konnte es ja schlecht ablehnen. Ihre Eltern wollten ja schließlich nur das Beste für sie. Schließlich sagte sie:
Einverstanden. Ich werde eine Therapie ma­chen. Aber bitte gebt mir noch ein paar Tage Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen.“
Ihre Eltern schauten sie skeptisch an.
Drei Tage“, schlug Ruth vor. „Ist das in Ord­nung? In drei Tagen machen wir einen Termin mit einem Therapeuten.“
Ihre Eltern schauten sich gegenseitig an und dann nickten sie ihrer Tochter sanft zu. Daraufhin war sie entlassen und sie konnte zurück auf ihr Zimmer gehen.
Dann dachte sie über die bevorstehende Thera­pie nach. Dass es soweit kommen würde, hatte sie zu verdrängen versucht. Sie dachte, sie könnte es alleine schaffen. Aber sie war wohl gescheitert. Und das nur, weil sie die Panik überkommen hat­te, als sie in die Wohnung von ihrem Vergewaltiger und den Mörder ihrer Großmutter geschaut hatte. Sie fasste einen weiteren Beschluss. Sie nahm ihr Handy zur Hand und schrieb eine Nachricht an Tobias.

Ich will es noch einmal versuchen.

Bist du dir sicher?

Ja, ganz sicher. Du könntest mir nur einen Gefallen tun. Bitte stelle alle Bilder von ihm weg. Ich kann sein Gesicht nicht sehen.

Einverstanden. Wann willst du es versuchen?

Noch heute Abend.

So schnell? Und was sagen deine Eltern dazu?

Lass das meine Sorge sein. In ungefähr zwei Stunden klopfe ich an deine Tür.

Dann ging die Achtzehnjährige in die Küche und fing zu backen an. Ihre Mutter kam dazu und schaute ihre Tochter verwundert an.
Was hast du vor?“
Ich backe einen Kuchen.“
Das ist eine hervorragende Idee. Du hast lan­ge nicht mehr gebacken. Das wird dich ablenken.“
Darauf ging Ruth nicht ein. Sie wollte noch nicht offenbaren, warum sie den Kuchen backen wollte. Das hob sie sich für später auf.
Als der Kuchen fertig war, kam auch ihr Vater in die Küche.
Hmm, das duftet aber gut. Ist das ein Marmor­kuchen?“
Schokolade“, korrigierte ihn Ruth.
Lecker. Bekommen deine Mutter und ich ein Stück davon ab?“, fragte er lächelnd.
Er ist für Herrn Jäger.“
Dem Polizisten?“, hakte er nach.
Richtig“, bestätigte Ruth. „Ich bringe ihm den Kuchen gleich rüber.“
Wie bitte?“ Der Vater dachte, er hätte sie ver­hört. „Du willst in die Wohnung von Herrn Wollf?“
Ich möchte mich bei Herrn Jäger für seine Mühe bedanken.“
Ich finde, das ist keine gute Idee.“ Er machte einen besorgten Eindruck. Da stand auch schon die Mutter in der Küche und fragte nach:
Was ist denn hier los?“
Ruth möchte Herrn Jäger den Kuchen vorbei­bringen.“
Was?“ Ihre Mutter war schockiert. „Das ist nicht dein ernst.“
Mama, das ist nur eine Wohnung. Sie wird mir nichts tun. Mach dir keine Sorgen.“
Erst kommst du nicht mehr aus deinem Zim­mer raus und jetzt willst du gleich in die Höhle des Löwen.“
Aber der Löwe ist nicht zuhause. Also ist es völlig ungefährlich.“
Nein“, griff ihr Vater ein. „Überlege dir das bitte noch einmal.“
Papa, ich bin 18 Jahre alt. Ich schaffe das schon.“
Sollen wir dich begleiten?“, fragte ihre Mutter nach. Dabei klang sie ziemlich verzweifelt.
Nein, Herr Jäger ist doch da. Also macht euch bitte keine Sorgen.“
Eigentlich hatte Ruth gehofft, dass sie dank des Kuchens diesem Gespräch entging. Doch trotz­dem musste sie sich rechtfertigen. Darauf hatte sie keine Lust. Schließlich richtete sie den Kuchen auf einem Teller an und machte sich auf den Weg. Ihre Eltern ließ sie ratlos in der Küche zurück.

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