Sonntag, 5. März 2017

[Er wartet auf dich] Kapitel 19

Die Achtzehnjährige ließ sich selbst ein paar Tage Zeit, um über den Vorschlag von Herrn Jäger nachzudenken.
Auf der einen Seite hatte sie höllische Panik da­vor, seine Wohnung zu betreten. Auf der anderen Seite war sie nun sehr neugierig. Aber innerlich hatte sie die Befürchtung, dass sie sowieso zu­sammenbrechen würde. Und damit gab sie sich wieder selbst die Schuld für ihre eigene Schwä­che, was sie unheimlich mitnahm.
Das konnte so nicht weitergehen, dachte sie sich. Sie führte absolut kein schönes Leben mehr. Seit Wochen verkroch sie sich in der Wohnung und war nicht mehr draußen an der frischen Luft. Ein paar Mal schaute der Arzt nach ihr, der eine Therapie vorschlug. Aber Ruth sagte jedes Mal, sie wäre noch nicht soweit. Dabei floh sie einfach nur. Sie rannte vor ihrem eigenen Leben davon und das hatte sie satt. Sie musste sich langsam wieder aufraffen, beschwor sie sich selbst.
Eines Morgens nutzte sie die Gelegenheit. Ihre Eltern waren arbeiten gegangen und sie war allein in ihrer Wohnung. Anfangs war ihr mulmig dabei zumute, alleingelassen zu werden. Aber ihre El­tern hatten sich schon für sie den ganzen Jahres­urlaub genommen. Irgendwann mussten sie wie­der arbeiten gehen. Glücklicherweise beruhigte sie die Anwesenheit von Herrn Jäger in der Nach­barwohnung.

Als die Eltern aus dem Haus waren, schrieb sie dem Polizisten eine SMS:

Hätten Sie Lust auf ein Frühstück vorbeizu­kommen? Sie sind herzlich eingeladen.

Eine Antwort lies eine Viertelstunde auf sich warten:

Entschuldigen Sie bitte. Ich bin gerade erst aufgewacht. Geben Sie mir zehn Minuten?

In Ordnung.

Ruth bereitete alles vor. Sie deckte den Ess­tisch und kochte Kaffee. Ein paar Minuten später klopfte es an der Haustür. Fünfmal kurz und zweimal lang. Das brachte ihr wieder ein zartes Lächeln ins Gesicht.
Sie öffnete die Tür und da stand er nun. Er trug eine Jeanshose und ein schwarzes, eng anliegen­des T-Shirt mit V-Ausschnitt. Er musste gerade ge­duscht haben, denn er hatte noch nasses Haar.
Danke für die Einladung“, begrüßte er die Acht­zehnjährige.
Kommen Sie herein“, forderte sie ihn freundlich auf.
Als sie am Küchentisch saßen, fragte er sie:
Wollen wir uns nicht vielleicht duzen? Das Sie ist doch ein bisschen albern, oder?“
Gute Idee“, bestätigte sie. „Ich bin Ruth.“
Sie reichte ihm die Hand.
Ich heiße Tobias“, entgegnete er, als er ein­schlug. „Freut mich.“
Möchten Sie... äh möchtest du ein Ei zu dei­nem Frühstück?“
Nur wenn es keine Umstände macht“, lächelte er.
Ruth stand auf und stellte sich an den Herd. Da fiel Tobias auf, was für eine tolle Figur sie hatte. Sie trug eine Skinny-Jeans und ein rotes Spaghet­titrägertop. Das stand ihr super, wie er fand.
Schließlich nahm sie sich zusammen und sprach los, während sie mit dem Rücken zu ihm am Herd stand. So fiel es ihr einfacher.
Weswegen ich dich eingeladen habe... Ich wollte mit dir sprechen. Ich habe es mir überlegt. Ich möchte in die Wohnung gehen.“
Super“, lobte er. „Woher kommt der plötzliche Sinneswandel?“
Ich glaube, die Konfrontation mit der Wohnung wird mir bei der Verarbeitung helfen“, erklärte sie.
Du willst dich also selbst therapieren?“
Ist das falsch?“, fragte sie skeptisch.
Ich finde es mutig, dass du das tun willst. Das ist bewunderndswert.“
Ach quatsch.“ Sie errötete. Tobias fand immer die richtigen Worte, fand sie.
Und wann willst du rübergehen?“, hakte er nach.
Am liebsten heute noch. Nach dem Frühstück?“
Du willst es wohl gleich überstürzen“, kommen­tierte er.
Ich habe mir das die letzten Tage reiflich über­legt. Und heute ist der richtige Zeitpunkt. Länger möchte ich es nicht aufschieben, jetzt, da ich mich ja dafür entschieden habe.“
In Ordnung“, entgegnete er. „Nach dem Früh­stück gehen wir zusammen in die Wohnung.“
Ruths Herz begann erneut zu rasen. Aber für sie gab es kein Zurück mehr. Sie wollte es wagen.

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