Sonntag, 26. Februar 2017

[Er wartet auf dich] Kapitel 18

Bis Ruth in dieser Nacht wieder eingeschlafen war, hatte es sehr lange gedauert. Sie stellte sich selbst so viele Fragen und hatte keine Antworten darauf. Warum war Herr Jäger in der Nachbar­wohnung? Wieso hatte er ihr nicht Bescheid gege­ben? Was erhofft sich der Polizist davon? Und seit wann war so etwas möglich?
All ihre Gedanken verwirrten sie. Aber seit sie wusste, dass Herr Jäger nebenan war, trug sie auch ein Gefühl der Sicherheit in sich. Es beruhig­te sie ungemein und verbesserte ihren Gemütszu­stand um ein Vielfaches.
Am nächsten Morgen beschloss sie, dass sie mit ihm reden musste. Aber wie? Sie traute sich ja nicht, einfach mal herüber zu gehen und an die Tür zu klopfen. Die Wohnung von Herrn Wolff war wie ein rotes Tuch für sie. Obwohl er nicht dort war, fühlte es sich so an, als ob sie ihm begegnen würde, wenn sie der Wohnung näher kam.
Allerdings wollte sie auch nicht ihre Eltern bit­ten, den jungen Polizisten in ihre Wohnung zu ho­len. Das kam ihr irgendwie lächerlich vor. Sie war eine erwachsene Frau und brauchte niemanden, der als ihr Sprachrohr fungierte.

Den ganzen Tag über schleppte sie den Ge­danken mit sich herum, dass sie unbedingt mit Herrn Jäger sprechen musste. Es ging ihr einfach nicht aus dem Kopf. Sie wusste, er war lediglich auf der anderen Seite der Wand. So nah und doch so fern.
Am Abend lag sie erneut in ihrem Bett und lauschte. Sie hörte leise Geräusche. Schritte, klapperndes Geschirr oder den Fernseher. Fast so, als ob er da drüben wohnen würde.
Sie wusste nicht, warum sie es tat, aber sie nahm ihre Hand und klopfte mit ihrem Zeigefinger an die Wand. Sie klopfte einen Rhythmus. Fünf­mal kurz und zweimal lang. Dann war es für einen Moment ganz still. Schließlich klopfte es auch an ihre Wand. Fünfmal kurz und zweimal lang. Herr Jäger erwiderte ihren Rhythmus. Ruth musste un­willkürlich lächeln.
Dann klopfte sie erneut. Dieses Mal einen an­deren Rhythmus. Zweimal lang und dreimal kurz. Und dieses Mal dauerte es nicht lang und da kam auch schon eine Erwiderung. Sie kicherte wie ein kleines Mädchen los. Auch er lachte, was sie dumpf durch die Wand hörte.
Am liebsten hätte sie lauter gesprochen. .Durch die Wand hindurch. Aber sie wollte nicht, dass das ihre Eltern mitbekamen. Da fiel ihr ein, dass sie ja seine Handynummer hatte. Sie nahm sofort ihr Smartphone zur Hand und tippte los:

Sorry, dass ich so albern bin.

Wenige Augenblicke sptäter kam seine Antwort:

Quatsch. Das ist doch lustig.

Sie war erleichtert. Jetzt wollte sie die Chance nutzen, um ihn zu fragen. Sie zögerte zwar kurz, aber dann traute sie sich schließlich.

Was machen Sie in seiner Wohnung?

Ich lauere ihm auf. Ich bin davon überzeugt, dass er irgendwann nach Hause kommt. Hier sind alle seine Sachen. Irgendwann braucht er irgendwas hiervon und dann kommt er nach Hau­se.

Aber er kann sich doch bestimmt denken, dass man ihn hier erwartet. Außerdem wohnt meine Familie nebenan. Er wird uns – vor allem meinem Vater – nicht begegnen wollen.

Wenn er kommt, dann kommt er sowieso nachts, wenn Sie schlafen. Und es gibt ein paar Dinge hier, auf die er nicht verzichten mag.

Was denn?

Erinnerungsstücke. Auf die kann er nicht verzichten, denke ich. Das wird ihn hierher treiben.

Dann wäre er ganz schön dumm.

Er ist total psycho. Ich weiß nicht, ob er dann logisch nachdenkt. Er ist krank.

Darauf wusste Ruth nicht zu antworten. Ihr war bewusst, dass er total gestört war. Schon in der Bahn verhielt er sich nicht normal. Aber nach die­ser Tat will sie ihn hinter Gittern sehen. Er soll ein­fach nur bestraft werden und nicht einfach nur als psychisch Kranker, der gesund werden muss.
Das Handy vibrierte erneut. Es war eine weitere Nachricht von Herrn Jäger.

Habe ich etwas Falsches geschrieben?

Nein. Ich musste nur kurz nachdenken. Dan­ke für Ihre Offenheit. Aber ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass es irgendwas so Wichtiges gibt, dass er dafür seine Deckung aufgeben würde.

Ich kann es Ihnen zeigen. Wollen Sie her­über kommen.

Plötzlich ergriff sie die Panik. Sie bekam Herz­rasen und sie musste heftiger atmen. Bei dem Ge­danken, in seine Wohnung zu gehen, wurde ihr ganz heiß und kalt zugleich. Sie nahm allen Mut zusammen und gab Herrn Jäger eine Antwort:

Ich habe Angst.

Das brauchen Sie nicht. Er ist nicht hier und ich bin bei Ihnen.

Ich überlege es mir. Gute Nacht!

Gute Nacht!

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