Sonntag, 12. Februar 2017

[Er wartet auf dich] Kapitel 16

Ruth liegt in ihrem Bett. Die Vorhänge hatte sie zugezogen. Alles ist dunkel. Nur von ihrem Handy ging Licht aus. Sie blätterte durch ihre digitale Ga­lerie und schaute sich die Fotos mit ihrer geliebten Großmutter an. Die letzten wurden im vorherigen Jahr zu Weihnachten geschossen. Da lächelte sie noch. Und jetzt war sie tot.
Die Achtzehnjährige kam nicht um den Gedan­ken herum, sich selbst die Schuld für ihren Tod zu geben. Wegen ihr wurde Herr Wolff zu ihrer Woh­nung geführt. Hätte sie nicht angefangen, mit ihm im Zug zu sprechen, wäre es nie soweit gekom­men. Doch durch ihre Dummheit wurde der Kerl zu der Wohnung ihrer Großmutter geführt.
Wie konnte sie so naiv sein? Sie hätte gleich merken müssen, wie verrückt der Banker war. Er hatte sich so plump an sie herangemacht und war dabei noch unheimlich unverschämt. Das war ja noch schlimmer als Stalking.
Sie schmerzte der Anblick ihrer Großmutter. Sie schaute sich ein Foto an, auf dem sie gerade einen Kuchen aus dem Ofen holte. Sie liebte das Backen mindestens so sehr, wie es die Achtzehn­jährige tat. Sie lächelte und ihre schon sehr wei­ßen Locken umspielten ihr Gesicht.
Sie war einfach die Beste.

Plötzlich klingelte es an der Tür. Ruth wunderte sich. Sie wusste nicht, dass ihre Eltern jemanden erwarteten. Sie legte das Handy zur Seite und lauschte. Wenige Augenblicke später hörte sie eine ihr bekannte, männliche Stimme. Sie konnte sie aber nicht zuordnen.
Dann klopfte es an ihrer Zimmertür.
Ruth, Liebes“, rief ihre Mutter, „hier ist Herr Jä­ger. Er möchte mit dir sprechen.“
Der Polizist.
Ruth antwortete nicht, aber ihre Mutter wartete auch nicht darauf und öffnete die Tür. Sie knipste das Licht an.
Ach Schatz“, seufzte die Mutter, „du musst hier ein wenig Licht reinlassen. Sonst verkommst du noch.“ Sie lief zum Fenster und öffnete die Vor­hänge. Es war wolkig draußen, weshalb kein Son­nenlicht ins Zimmer strömte. Dennoch wurde es heller.
Da tauchte Herr Jäger im Türrahmen auf.
Hallo“, begrüßte er Ruth freundlich lächelnd. Er trug keine Uniform. Stattdessen hatte er eine Jeans und ein hellblaues Poloshirt an. „Darf ich Sie kurz sprechen?“
Ruth spürte, dass sie sowieso keine Wahl hatte.
In Ordnung“, antwortete sie und richtete sich im Bett auf.
Dann lass ich sie eben mal allein“, erklärte die Mutter beim Verlassen des Zimmers.
Ruth hatte absolut keine Lust mit dem Polizis­ten zu reden. Das würde sie nur wieder aufwüh­len. Aber was sollte sie tun?
Ich wollte nur mal schauen, wie es Ihnen geht.“
Bei diesem Satz schaute die Achtzehnjährige ihr Gegenüber mit Skepsis im Blick an.
Blöde Frage“, gab er zu. „Es tut mir schrecklich leid, was Ihnen widerfahren ist. Meine Kollegen und ich sind dran, ihn zu schnappen. Wenn wir ihn in die Finger kriegen, das verspreche ich Ihnen, wird er seine gerechte Strafe bekommen.“
Gerechte Strafe?, fragte sich Ruth. Das klang in ihren Ohren lächerlich. Was bedeutete gerechte Strafe? Würde er auch vergewaltigt und anschlie­ßend ermordet werden? Sicher nicht. Aber das hatte er in ihren Augen verdient.
Doch Ruth antwortete nicht und schwieg. Ihr war nicht nach reden. Sie wollte wieder das Zim­mer abdunkeln und allein sein.
Ja... also...“, stotterte der Polizist, „darf ich Ih­nen meine Handynummer hinterlassen? Wenn et­was ist, können Sie mich jederzeit anrufen. Übri­gens steht Ihnen ihre neue Frisur recht gut.“
Ruth blickte auf und schaute dem jungen Mann in die Augen. Sie war verwundert. Schließlich frag­te sie:
Sind Sie allein deswegen nach Hamburg ge­kommen? Wäre ein Anruf von Frankfurt aus nicht einfacher gewesen?“
Sie sah, wie er rot anlief. Irgendwie hatte sie ihn in Verlegenheit gebracht.
Nun...“, begann er, wusste aber nicht genau, was er sagen sollte.
Spucken Sie es schon aus!“, forderte sie ihn auf.
Schließlich fuhr er zögerlich fort:
Ehrlich gesagt... Ich weiß es selbst nicht. Aber als ich Sie da so in Frankfurt in der Wohnung Ihrer Großmutter vorfand und Sie so hilfsbedürftig aus­sahen... Seitdem fühle ich mich Ihnen gegenüber verantwortlich. Ich habe den inneren Drang, Ihnen helfen zu müssen. Solange der Täter noch auf freiem Fuß ist, habe ich keine ruhige Minute mehr. Nachts kann ich nicht schlafen.“
Die Achtzehnjährige war völlig baff, als sie das hörte. Sie wusste absolut nicht, was sie davon hal­ten sollte. Auf der einen Seite fand sie das nett und es berührte sie irgendwo in ihrem Innern. Auf der anderen Seite war sie misstrauisch, seit dem Treffen mit Herrn Wolff im Zug. Sie bezweifelte, ob sie jemals wieder jemanden an sich ranlassen konnte. Doch sie erinnerte sich auch daran, wie sie in seinen Armen lag und sich dabei sicher fühl­te.
Was sagen Sie?“, hakte er schließlich nach. „Total bescheuert, oder?“
Sie zögerte, bis sie darauf antwortete. Doch dann sagte sie:
Nein, das ist echt nett von Ihnen. Vielen Dank, dass sie sich so sehr um mich sorgen. Das bedeu­tet mir viel.“
Wieder errötete er und zum ersten Mal seit lan­ger Zeit zogen sich ihre Mundwinkel ebenfalls leicht nach oben und sie lächelte.

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