Sonntag, 22. Januar 2017

[Er wartet auf dich] Kapitel 14

Als Ruth erwachte, befand sie sich in einem Bett. Sie schaute sich um und bemerkte, dass sie sich wohl in einem Krankenzimmer befand.
Guten Tag“, meldete sich eine Stimme vor ihr. Ihr fiel es schwer, den Blick nach vorne zu richten, aber dann erkannte sie den Polizisten.
Sie erinnern sich an mich?“, fragte er vorsich­tig.
Ja“, krächzte sie. Ihr Hals war ausgetrocknet.
Einen Moment“, sagte er und ging sofort an ih­ren Nachtschrank, wo sich ein Becher voll mit Wasser darauf befand. Er nahm ihn und reichte ihn ihr vorsichtig. Sie trank einen Schluck.
Was ist passiert?“, fragte sie anschließend. Sie hatte keine Schmerzen. Sie fühlte sich lediglich sehr matt. Anscheinend hatte man ihr Schmerz­mittel verabreicht.
Das würde ich gerne von Ihnen wissen“, ent­gegnete ihr Herr Jäger. Sein Hut und seine Jacke hatte er über einen Stuhl gelegt und so stand er nur in seinem Hemd da. Er hatte muskulöse Ober­arme und sein Gesicht schien sehr freundlich. Sei­ne dunklen Haare passten zu seinen dunklen Au­gen. Doch seine Attraktivität interessierte Ruth in diesem Augenblick nicht.
Wo sind meine Eltern?“

Wir haben sie benachrichtigt. Sie sind auf dem Weg hierher.“
Ruth wusste, dass es ein paar Stunden dauern würde, denn schließlich waren ihre Eltern in Ham­burg und sie befand sich im Krankenhaus in Frankfurt.
Die Achtzehnjährige lehnte sich zurück. Plötz­lich war alles wieder da. Herr Wolff, die Vergewal­tigung und ihre tote Großmutter. Ihr kamen die Tränen. Sie konnte sie einfach nicht unterdrücken.
Herr Jäger trat näher an sie heran.
Wir werden alles uns in der Macht stehende tun, um ihn zu schnappen. Aber hierfür brauchen wir ein paar Angaben. Meine Kollegen werden sie befragen und ein Phantombild anfertigen.
Ich weiß ganz genau, wer es war“, sagte sie mit Verbitterung in der Stimme.
Sie kannten den Täter?“
Er ist unser Nachbar. Ich hatte ihn auf der Zug­fahrt von Hamburg hierher getroffen. Wolff heißt er. Den Vornamen kenne ich nicht. Aber ich kann ihnen seine genaue Adresse nennen, denn sie ist auch meine eigene.“
Sie haben ihn im Zug getroffen und ihn dann mit zu ihrer Großmutter genommen?“, hakte der Polizist nach.
Natürlich nicht“, widersprach Ruth und schluchzte dabei laut los. „Er hat mir mein Porte­monnaie gestohlen und die Adresse meiner Oma hatte er von dem Schildchen an meiner Reiseta­sche. Ich ahnte nicht, dass er dahinter steckt, bis ich bei meiner Oma in der Wohnung war und er mich dort erwartete.
Das tut mir sehr leid, Frau Käppler.“ Der Poli­zist klang aufrichtig. „Aber Sie können sicher sein, dass wir ihn kriegen.“
Das erleichterte sie kein Bisschen. Schließlich lag sie ihm Krankenhaus. Sie würde die Bilder der Vergewaltigung nie mehr aus ihrem Kopf bekom­men. Zudem war ihre geliebte Großmutter ermor­det worden. Es fühlte sich so an, als wäre ihr gan­zes Leben zerstört worden. Niemand konnte ihr das zurückgeben, was sie durch dieses Scheusal verloren hatte.
Bis zu seiner Tat war Ruth noch Jungfrau ge­wesen. Sie war zwar schon volljährig, aber bisher hatte sie noch mit keinem Jungen geschlafen. Dass ihr erstes Mal eine Vergewaltigung sein wür­de, hätte sie niemals geahnt.
Sie bezweifelte, dass sie jemals wieder glück­lich werden würde.

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