Sonntag, 8. Januar 2017

[Er wartet auf dich] Kapitel 12

War es Einbildung oder Wirklichkeit? Von weiter Ferne hörte sie aufheulende Sirenen. Das musste die Polizei sein. Ihre Rettung.
Da hörte sie, wie die Haustür geöffnet wurde. Die Dame am Telefon redete immer noch auf sie ein. Sie wollte aber mitbekommen, was in der Wohnung vor sich ging und daher unterbrach sie das Gespräch und legte auf. Dann lauschte sie angestrengt, was nicht so einfach war, denn die Sirenen wurden immer lauter und kamen näher.
Doch dann knallte die Haustür zu und es war still in der Wohnung.
Sie fragte sich, ob er die Wohnung verlassen hatte, doch wirklich entspannen konnte sie sich nicht. Noch immer fragte sie sich, was mit ihrer Großmutter geschehen war.
Zögerlich stand sie vom Sofa auf und schlang die Decke um ihren Unterleib. Das Blut spürte sie zwar noch immer, aber das war ihr egal. Sie ging zur Wohnzimmertür und legte ihr Ohr daran. Nichts.
Gleich würde die Polizei vor der Tür stehen. Vorsichtig führte sie ihre Hand zum Schlüssel. Langsam drehte sie ihn um. Noch immer erwarte­te sie, dass ihr Peiniger die Tür aufstieß und sich ein zweites Mal an ihr verging. Aber dies passierte nicht. Dann drückte sie die Klinke herunter. Sie öff­nete die Tür einen Spalt breit und blickte in den Flur. Es blieb ruhig. Einen Fuß nach dem anderen setzte sie in den Flur.

Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Sie schaute hinein, aber da war nichts, außer das Blut, welches überall auf dem Bett und dem Tep­pich zu sehen war. Es sah aus, als ob ein Schwein darauf geschlachtet wurde.
Dann wollte sie einen Blick in die Küche werfen. Das traute sie sich aber doch nicht. Sie hatte Angst, dass er immer noch dort lag. Sie redete sich ein, dass er aus der Tür gelaufen war. Schließlich hatte sie gehört, wie die Haustür zuge­fallen war.
Ihr Blick fiel auf die Badezimmertür. Da hatte sie noch gar nicht nachgesehen.
Oma?“, rief sie leise, fast schon flüsternd. Sie erhoffte sich, dass sich ihre Großmutter bemerk­bar machen würde. Doch es blieb ruhig. Da klin­gelte es an der Tür. Das muss die Polizei sein. Sie wartete einen Augenblick, ob sich etwas in der Kü­che tat. Es klingelte erneut. Sollte sie die Tür öff­nen? Aber was ist, wenn ihr Vergewaltiger zurückgekehrt war? Aber dann würde er sicherlich nicht klingeln.
Ihre Gedanken gingen durcheinander und wa­ren völlig irrational. Sie wusste nicht, was sie tun sollte.
Schließlich konzentrierte sie sich für einen Mo­ment wieder auf das Badezimmer. Wie hypnoti­siert steuerte sie langsam auf die Badezimmertür zu. Sie drückte auch hier wieder die Türklinke her­unter. Die Tür ließ sich problemlos öffnen. Sie blickte hinein und das erste, was sie sah, war rot.
Blut.
Überall.
Sie schaute zur Badewanne und sah, dass sich irgendwas darin befand.
An der Haustür klopfte es.
Hier ist die Polizei“, rief eine dunkle Männer­stimme. „Bitte öffnen Sie die Tür oder wir werden mit Gewalt eintreten.“
Ruth drehte sich wieder zur Badewanne. Lang­sam ging sie auf sie zu. Und dann blickte sie hin­ein. Was sie sah, war absolut entsetzlich. Sie gab einen kurzen, schrillen Schrei von sich.
In diesem Augenblick donnerte es gegen die Eingangstür, als ob jemand versuchte, mit Gewalt einzutreten.
Die Achtzehnjährige konnte aber den Blick nicht von der Wanne nehmen. Darin lag ihre Großmutter mit weit aufgerissen, starren Augen. Sie war kreidebleich. Und auf ihrer Brust war überall Blut. Es sah so aus, als ob jemand mehrfach mit einem Messer auf sie eingestochen hatte. Als sie nach unten vor die Wanne schaute, sah sie auch das große Küchenmesser, wie es voller Blut auf dem Boden lag.
Da flog die Haustür auf und mehrere Polizisten betraten die Wohnung. Doch bevor sie das Bade­zimmer erreichten, brach Ruth auf dem Boden zu­sammen.

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