Sonntag, 1. Januar 2017

[Er wartet auf dich] Kapitel 11

Ruth lag da und dachte an nichts. Neben ihr lag Herr Wolff, der noch immer schwer atmete. Sie spürte, wie er sich freute. Sie befand sich noch im­mer unter Schock.
Da bemerkte sie, wie ihr eine warme Flüssigkeit zwischen den Beinen herunterlief. Zaghaft hob sie ihre Hand, um zu fühlen, was es war. Insgeheim hoffte sie, dass es sein Sperma war, was schon schlimm genug war. Aber als sie die Hand hob, um sich das Übel anzusehen, hatte sie Gewiss­heit. Blut.
Und da durchfuhr sie ein tiefer Schmerz. Es zog gewaltig und sie verkrampfte instinktiv. Was hatte dieser Kerl ihr nur angetan.
Wut, Entsetzen, Schuldgefühle. Alles über­mannte sie gleichzeitig. Sie spürte, wie das Ad­renalin in ihr wuchs.
Jetzt oder nie!
Mit einem Ruck sprang sie vom Bett auf und rannte los.
Hey!“, ertönte es hinter ihr. So schnell konnte der Banker nicht reagieren. Sie rannte aus dem Zimmer. In die Küche. Schritte hinter ihr. Sie schleuderte die Tür hinter sich zu, doch schon spürte sie den Druck von der anderen Seite. Sie wusste, er war stärker. Was nun?

Sie blickte sich schnell um und sah die Brat­pfanne in der Spüle. Sie ließ die Tür los und rann­te zur Spüle. Mit einem lauten Krachen flog die Tür auf und schepperte gegen die Wand. Der Ver­gewaltiger rannte auf sie zu. Da hatte sie aber die Pfanne schon in der Hand. Sie holte aus und knallte sie ihm gegen den Kopf. Er fiel zu Boden. Schnell sprang sie über ihn und rannte wieder aus der Küche. Für einen Augenblick überlegte sie aus der Wohnung zu rennen. Doch sie trug keine Hose und war unten herum nackt und voller Blut. Sie schämte sich zu sehr. Daher rannte sie ins Wohnzimmer, schmiss die Tür hinter sich zu. Zum Glück steckte der Schlüssel. Sie drehte ihn um. Sie war für kurze Zei sicher.
Sie blickte im Wohnzimmer umher. Da entdeck­te sie das schnurlose Telefon. Schnell schnappte sie es sich und wählte die 110.
Hallo? Bitte helfen sie mir! Ein Einbrecher be­findet sich in der Wohnung.“
Sie traute sich nicht zu sagen, dass er sie be­reits vergewaltigt hatte. Das Reden fiel ihr schwer. Sie erstickte beinahe unter den Tränen, die ihr er­neut die Wangen herunterliefen. Wie ein unbarm­herziger Strom, flossen sie aus den Augen. Sie er­klärte der Dame, die ruhig am anderen Ende der Leitung sprach, was geschehen war, ohne die Ver­gewaltigung zu erwähnen. Sie berichtete lediglich davon, wie er sie angegriffen hatte und dass sie ihm eine Bratpfanne übergezogen hatte. Die Dame versprach, sofort jemanden vorbeizuschi­cken. Sie blieb derweil am Telefon und redete ru­hig auf Ruth ein. Doch die Achtzehnjährige hörte nicht zu. Sie konzentrierte sich auf die Wohnzim­mertür und dachte daran, dass sie jeden Moment aufgebrochen werden würde. Doch es tat sich nichts.
Panisch hielt sie den Telefonhörer fest in ihrer Hand. Sie zitterte am ganzen Leib. Sie atmete schwer. So eine Panik hatte sie noch nie. Sie rechnete damit, dass er gleich im Zimmer stehen würde und sie umbrachte.
Sind Sie noch dran?“, hörte sie die Stimme der Dame am Telefon.
Ja...“, antwortete Ruth zögerlich.
Gleich ist jemand bei Ihnen. Halten Sie durch.“
Doch Ruth wusste, dass da schon die ganze Zeit jemand war, der auf sie lauerte. Vielleicht stand er sogar vor der Tür und machte sich bereit, einzutreten. Ihr wurde schwindelig und sie verlor das Gleichgewicht. Doch sie konnte sich gerade noch halten. Sie setzte sich auf das Sofa und nahm die Kolter, die neben ihr lag, um sie sich über die Beine zu legen. Dabei ließ sie das Tele­fon nicht aus den Händen.
Das schnurlose Telefon war ihr kleiner Schutz­anker. Es war das einzige, was sie gerade be­schützte. Solange die Frau am anderen Ende war, war sie nicht ganz alleine. Zwar wusste sie, dass die Dame am Telefon nicht wirklich eingreifen konnte, wenn was passierte, aber zumindest würde man sie hören und jemanden schnell vorbei schicken. Das erhoffte sie sich jedenfalls. Aber da fiel es ihr wieder ein:
Wo ist Oma?

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