Sonntag, 27. November 2016

[Er wartet auf dich] Kapitel 6

Auf der Toilette im Zug war es sehr eng. Aber der Achtzehnjährigen war die Enge gerade lieber, als wieder zurück zu ihrem Platz zu gehen, wo Herr Wolff auf sie wartete und ständig um eine Verabre­dung mit ihr bettelte.
Sie fragte sich, wie ein Mensch sich nur so selbst blamieren konnte. Er merkte wohl gar nicht, wie peinlich er war und wie er sich lächerlich machte. Eine andere Frau hätte ihm wahrschein­lich viel direkter einen Korb gegeben. Vielleicht sollte sie das auch tun. Sonst würde er nicht damit aufhören.
Doch sie konnte das nicht. Sie wusste, dass sie viel zu nett ist, um ihm direkt ins Gesicht zu sa­gen, dass sie ihn mittlerweile richtig ekelig fand. Sie fand es total unattraktiv, dass er sich so anbie­derte.
Außerdem fragte sie sich, ob Herr Wolff nicht eine psychische Störung hatte. Kein normaler Mensch hätte nach einer Abfuhr weiter um ein Date gebeten. Doch er hörte einfach nicht auf.
Wie bin ich da nur hineingeraten?
Am liebsten wäre sie die ganze Fahrt über auf dieser Toilette geblieben und gar nicht mehr zu dem Platz zurückgekehrt. Doch langsam wurde es echt zu eng in der kleinen Toilettenkabine. Also ging sie raus und blieb auf dem Gang stehen. Schließlich entdeckte sie einen freien Platz neben zwei älteren Damen und beschloss, sich zu ihnen zu setzten.
Sie schaute aus dem Fenster und ließ die Welt an sich vorbei ziehen. Sie sagte sich selbst, dass sie ihrem unerträglichem Nachbarn erzählen wür­de, dass sie eine alte Schulfreundin im Zug getrof­fen und sich mit ihr verquatscht hatte. Das war ihrer Ansicht nach ein guter Plan, um nicht sofort in das Abteil zu Herrn Wolff zurückzukehren.
Sie holte ihr Smartphone aus der Hosentasche und spielte eine Runde Solitaire. Leider hatte sie ihre aktuelle Lektüre im Abteil gelassen. Sonst hätte sie jetzt ein wenig lesen können. Aber mit ih­rem Handy konnte sie sich gut die Zeit vertreiben.
Nach fast einer Stunde stand sie dann endlich auf und marschierte zurück zum Abteil. Sie würde nur noch etwa eine Viertelstunde mit Herrn Wolff aushalten müssen. Dann wäre sie ihn endlich los. Diese 15 Minuten würde sie überstehen.
Als sie die Tür zur Seite schob, blickte sie in ziemlich wütende Augen. Sie merkte sofort, dass die Stimmung frostig war.
Entschuldigen Sie bitte“, fing sie an, „ich habe eine alte Schulfreundin hier im Zug getroffen und da haben wir uns verquatscht.“
Aha“, war die kühle Antwort ihres Gegenübers. Er war wohl beleidigt, stellte Ruth fest. Aber das sollte ihr recht sein. Vielleicht würde er sie jetzt in Ruhe lassen. Wenn sie Glück hatte, hatte er jetzt das Interesse an ihr verloren.
Doch leider irrte sie sich. Nach zwei Minuten, in denen sich beide anschwiegen, sagte er:
Sie hätten mir ja ruhig Bescheid geben kön­nen. Ich wartete hier wie auf heißen Kohlen.“
Er klang nun fast wie ihre Eltern, wenn sie ihren Zapfenstreich überzogen hatte und abends zu spät nach Hause kam. An dieser Stelle hätte sie dann ihren Eltern erklärt, dass sie alt genug war, um selbst zu entscheiden, wann sie zurückkam. Doch was sollte sie zu ihrem Nachbarn sagen? Sie entschied sich für Folgendes:
Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig.“
Bumm! Damit hatte sie sich nun endlich was getraut. Sie bot ihm Paroli und zeigte ihm die Stirn. Sie war fast schon selbst von sich über­rascht, dass sie so etwas hatte äußern können. Wenn das nun nicht eindeutig war, wusste sie auch nicht.
Herr Wolff blieb stumm und schaute weiterhin beleidigt. Nach einer Weile fing er erneut an:
Eigentlich schulden Sie mir jetzt eine Verabre­dung, nachdem sie mich hier so warten lassen ha­ben.“
Nun platzte es völlig aus ihr heraus:
Nein“, sagte sie lauter, als sie es beabsichtigt hatte, „ich schulde Ihnen gar nichts. Vergessen Sie bitte, dass sie jemals eine Verabredung mit mir haben werden. Ich finde sie ehrlich gesagt viel zu aufdringlich und wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich niemals zu Ihnen in dieses Abteil gesetzt.“
Am liebsten hätte sie ihm noch ein paar Schimpfwörter an den Kopf geknallt, aber das war absolut nicht ihr Niveau. Sie hoffte, dass dies nun ausreichte, um ihn endlich zur Vernunft zu brin­gen.
Doch Herr Wolff antwortete wie ein trotziges Kind:
Ich bin Banker und habe viel Geld. Ich könnte Ihnen alles bieten, was sie möchten.“
Ruth hätte ausrasten können. Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte. Jetzt stellte er sie als geldgeile Schlampe dar. Am liebsten hätte sie ihm für diesen Satz eine geknallt.
Ich brauche Ihr blödes Geld nicht. Was denken Sie eigentlich von mir? Mir reicht es. Wir sind so­wieso gleich da, also stelle ich mich schon mal an die Tür.“
Sie stand auf, zog sich ihre rote Jacke an und schnappte sich ihre Reisetasche und den Präsent­korb. Ohne sich zu verabschieden, verließ sie das Abteil und ließ ihren Nachbarn sitzen.
Der ist doch verrückt, dachte sie sich wütend.
So etwas hatte sie noch nie erlebt. Hoffentlich würde sie ihm nie wieder begegnen, obwohl es wohl eher unwahrscheinlich war, denn sie waren ja Nachbarn in Hamburg. Ihr gruselte der Gedan­ke, dass sie ihm nochmal im Treppenhaus begeg­nen würde. Sie stellte sich jetzt schon vor, wie sie von nun an immer durch den Türspion schauen würde, um herauszufinden, ob die Luft rein war, bevor sie die Wohnung verließe.
Sie versuchte den Gedanken abzuschütteln. Jetzt freute sich sich zunächst einmal auf den Be­such ihrer Oma. Gerade fuhr der Zug in den Frankfurter Hauptbahnhof ein. Ruth war sehr er­leichtert, dass diese Horrorfahrt vorüber war. Nun wollte sie den komischen Psycho schnell verges­sen.
Als sie aus dem Zug stieg, atmete sie die kalte Luft ein, welches sie mit Energie durchströmte. Jetzt fiel ihr eine Last von den Schultern. Endlich angekommen.

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