Sonntag, 20. November 2016

[Er wartet auf dich] Kapitel 5

Nach dem Essen gingen Ruth und Herr Wolff zu­rück zu ihren Plätzen im Abteil. Wieder saßen sie sich gegenüber und quatschten über viele unter­schiedliche Dinge. Sie erzählten sich von ihren Lieblingsfilmen und ihrem Musikgeschmack, der nicht unterschiedlicher hätte sein können. Ruth mochte Popmusik und hört die Charts rauf und runter, während Herr Wolff eher auf klassische Musik stand.
Irgendwann schwiegen beide wieder, was Ruth ein wenig peinlich war. Aber sie wusste nicht, wie sie das Gespräch wieder in Gang bringen konnte und so schaute sie interessiert aus dem Fenster.
Wie lange sind wir schon unterwegs?“, fragte sie.
Zwei Stunden“, lautete die Antwort.
Dann wieder Schweigen.
Irgendwann schnaufte Herr Wolff laut auf. Ruth schaute ihn fragend an.
Darf ich Sie was fragen?“, wollte der blonde Banker von der Achtzehnjährigen wissen.
Natürlich“, gab sie unbedacht zurück.
Haben Sie einen Freund?“
Ruth erschrak über diese Frage. Warum wollte er das nun wieder wissen? Eigentlich hätte sie gar nicht antworten wollen, aber sie gab sich einen Ruck. Schließlich kannte sie seine tatsächlichen Hintergedanken gar nicht und vielleicht war er ein­fach nur so interessiert.
Nein“, antwortete sie. „Ich bin Single.“
Warum möchten Sie sich dann nicht mal mit mir treffen?“
Erneut fand sich Ruth in einer unangenehmen Situation. Was sollte diese Frage? Sie dachte, das Thema wäre endgültig gegessen und nun fing er schon wieder damit an. Langsam nervte sie es, weil er sie ständig in Verlegenheit brachte.
Herr Wolff“, begann sie, „Sie sind ein netter Kerl, aber ich bin derzeit nicht auf der Suche nach einem Mann.“
Bin ich Ihnen zu alt?“, hakte er nach. Er schien kein bisschen Verständnis zu haben.
Eigentlich war Ruth das Alter nicht so wichtig. Zwar war ihr Gegenüber etwa doppelt so alt wie sie, aber das war nicht der Grund, warum er nicht als fester Freund in Frage kam. Bei dem Richtigen spielte das Alter in ihren Augen keine Rolle. Aber Herr Wolff war nicht der Richtige. Er war ihr zu aufdringlich. Trotzdem antwortete sie mit:
Ja, das ist es.“ Sie erhoffte sich, dass sie ihn damit endlich los wäre. Am Alter konnte er nichts ändern und so erhoffte sie sich, dass er diesen Grund akzeptieren würde.
Aber das Alter spielt in der Liebe doch keine Rolle“, argumentierte er.
Ich liebe Sie aber nicht“, entgegnete sie ihm et­was zu unfreundlich.
Dann ist es doch nicht das Alter“, stellte er fest, was ihm augenscheinlich wieder Hoffnung bereite­te. Er lächelte nun wieder.
Herr Wolff, ich möchte nicht unfreundlich er­scheinen, aber würden Sie mich bitte damit in Ruhe lassen. Ich möchte nichts von Ihnen.“ Klare­re Worte würde sie nicht finden, aber anders wusste sie sich nicht mehr zu helfen. Sie wollte ihm das eindeutig klarmachen. Hoffentlich ver­stand er das.
Sie kennen mich doch noch gar nicht so gut.“
Eben“, bestätigte sie. „Das geht mir viel zu schnell.“
Wenn Sie wollen, lassen wir es langsam ange­hen. Geben Sie mir eine Chance und lernen Sie mich besser kennen.“
Ruth gab es auf. Scheinbar wollte er es nicht verstehen. Sie fühlte sich an seiner Seite nicht mehr wohl. Außerdem bereute sie es, dass sie sich von ihm zum Essen hatte einladen lassen. Sie gab sich nun selbst die Schuld, ihm vielleicht die falschen Signale gesendet zu haben. Sie hätte von Anfang an nicht so höflich zu ihm sein dürfen. Nun blieb nur eines: Sie musste verschwinden. Ihr kam spontan nur eine Idee in den Sinn:
Entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss auf die Toilette.“
Kein Problem“, entgegnete er ihr. „Wir können danach ja weitersprechen.“
Darauf hatte sie allerdings keine Lust. Sie stand auf und verließ das Abteil. Hinter sich zog sie die Tür zu. Dann schlenderte sie langsam zur Toilette. Sie fragte sich, wie lange sie sich wohl Zeit lassen konnte, bis sie wieder zurück ins Abteil und zurück zu Herrn Wolff musste. Sie beschloss, sich alle Zeit der Welt zu lassen und nicht so schnell zurückzukehren.
Und wenn ich die ganze restliche Zugfahrt auf der Toilette verbringe...

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