Sonntag, 13. November 2016

[Er wartet auf dich] Kapitel 4

Mittlerweile war bereits eine Stunde vergangen, in denen Ruth mit Herrn Wolff über verschiedene Dinge sprach. Zum Beispiel erzählte sie ihm von ihrer Ausbildung zur Bäckerin und berichtete ihm von ihrem Lieblingsrezept. Dabei traute sie sich nicht mehr, ihm private Fragen zu stellen, nach­dem sie so ins Fettnäpfchen getreten war.
Jetzt habe ich ganz schön Hunger bekommen“, offenbarte der blonde Mann. „Darf ich Sie zum Essen in das Bordrestaurant einladen?“
Ruth empfand es für unhöflich abzulehnen, also nahm sie die Einladung an.
Im Restaurant setzten sie sich auch gegenüber. Sofort war ein Kellner da und brachte ihnen die Speisekarten. Ruth wunderte sich darüber, was es alles in einem Restaurant innerhalb eines Zuges gab. Es war wie in einem richtigen Restaurant, auch wenn die Preise recht teuer waren. Aber sie hatte kein schlechtes Gewissen, da ihr Gegenüber dank seines Jobs gut situiert war. Sie hingegen musste mit ihrem kleinen Azubilohn haushalten.
Herr Wolff bestand auf eine Vorspeise und so bestellten sie sich beide eine Tomatensuppe. Als sie serviert wurde, probierte Ruth die heiße Flüs­sigkeit und befand sie für sehr lecker. Darauf ent­gegnete ihr der Banker:

Ich finde die Suppe auch sehr gut. Und die Farbe ist ein sehr schönes, sattes Rot. Sie ist fast so schön wie Ihre süßen Lippen.“
Ruth errötete.
Äh danke“, antwortete sie zaghaft. Sie fand diese Bemerkung ziemlich unangebracht. Ihre Lip­pen mit einer Suppe zu vergleichen ist echt ein mi­serabler Flirtversuch. Zudem hatte sie nicht mal einen Lippenstift aufgetragen, sodass ihre Lippen gar nicht so rot waren, wie er behauptete.
Als die Hauptspeise kam, fuhr Herr Wolff mit seinen Komplimenten fort:
Wissen Sie eigentlich, was Sie für wunder­schöne Augen haben. Sie funkeln so wunderbar. Das gefällt mir.“
Bei diesen Sätzen hatte er ein schmieriges Grinsen auf dem Gesicht, was Ruth nun mehr als unangenehm war. Sie wusste gar nicht, wie sie reagieren sollte, außer zu lächeln – und dabei komplett rot anzulaufen.
Das muss Ihnen nicht peinlich sein“, fuhr er fort. „Ich sage nur die Wahrheit.“
Ruth schwieg weiterhin und tupfte sich ihren Mund mit einer Serviette sauber.
Vielen Dank, dass Sie die Einladung zum Es­sen angenommen haben!“
Ruth fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Sie fragte sich, ob er dieses Zugessen als offizielle Verabredung ansah. Ihr wurde bei dem Gedanken übel. Doch Herr Wolff wollte einfach nicht aufhö­ren:
Und ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn wir das in Frankfurt wiederholen würden. Bitte las­sen Sie mich nicht hängen und gehen Sie dort mit mir essen.“
Nun musste Ruth reagieren oder er würde sie festnageln. Sie fand es ja irgendwie nett, wie er sich bemühte. Schließlich konnte man es auch als Kompliment betrachten, dass er mit ihr ausgehen wollte. Aber er war einfach zu alt für sie und au­ßerdem nicht ihr Typ. Er war ein schmieriger Ban­ker und sie stand eher auf bodenständige Männer. Zudem ging er die Sache zu forsch an. Das war völlig unromantisch und viel zu aufdringlich. Daher musste sie ihm nun einen Riegel vorschieben, be­vor er weitere Annäherungsversuche unternahm.
Herr Wolff, ich fühle mich sehr geschmeichelt. Aber ich glaube, Sie haben da etwas missverstan­den. Ich finde sie sehr nett, aber lediglich als Nachbarn. Bitte seien Sie mir nicht böse.“
Da bemerkte sie, wie sich seine Miene verfins­terte. Sein Lächeln verschwand und er musste heftig schlucken. Nach einem kurzen Moment des Schweigens, sprach Herr Wolff weiter:
Es tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Bitte entschuldigen Sie.“
Ruth fiel ein Stein vom Herzen. Zwar hatte sie nun ein wenig Mitleid mit ihm, aber andererseits war ihr Verhältnis geklärt und sie konnten wieder wie normale Menschen miteinander umgehen.
Essen Sie noch einen Nachtisch mit mir?“, fragte er seine junge Begleitung. „Natürlich rein platonisch“, fügte er hinzu.
Ruth nickte lächelnd. Sie wollte ihn nicht noch einmal vor den Kopf stoßen und empfand es nur als höflich, noch das Dessert mit ihm einzuneh­men.
Sie bestellten zwei Stück Kuchen und beim Es­sen schwadronierte Ruth darüber, wie gut der Ku­chen ist, aber wie sie ihn noch besser hinkriegen würde. Sie war erneut in ihrem Element und er­zählte von der Backkunst. Ihr Gegenüber hörte ihr schweigend zu und begann wieder freundlicher zu schauen, was Ruth sehr erleichterte.

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