Sonntag, 6. November 2016

[Er wartet auf dich] Kapitel 3

Ruth kämpfte sich durch den Zug auf der Suche nach einem Sitzplatz. Sie hatte leider keine Platz­reservierung und musste daher darauf hoffen, einen freien Platz zu finden. Mit ihrer Reisetasche und dem Präsentkorb gestaltete sich das etwas unpraktisch, als sie zwischen den Sitzreihen durch die Zugabteile schwankte.
Irgendwann kam sie zu den geschlossenen Ab­teilen mit den Schiebetüren, in denen sich jeweils sechs Sitzplätze befanden. Außen leuchtete eine elektronische Anzeige auf, wenn Plätze reserviert waren. Doch da war ein Abteil, in dem lediglich ein Platz reserviert war. Also versuchte Ruth ihr Glück und schob die Tür auf, um zu schauen, ob eventu­ell einer der anderen fünf Plätze noch frei war.
Als sie in das Abteil sah, saß nur ein Mann am Fenster, der sie ebenfalls anschaute.
Oh hallo, Frau Käppler“, begrüßte sie der blon­de Herr mit der eckigen Brille, die einen schwar­zen Kunststoffrahmen besaß. Sein Alter musste um die Mitte Dreißig sein. Er kannte Ruth wohl, was sie überraschte. Doch dann erkannte sie ihn.
Ach, Sie sind auch hier, Herr Wolff.“
Es war ihr Nachbar, mit dem ihre Familie Tür an Tür wohnte. Das war ein Zufall, dass er ebenfalls denselben Zug nach Frankfurt nahm.
Ja, wir haben wohl das gleiche Ziel“, bestätigte er. „Setzen Sie sich doch zu mir und leisten mir Gesellschaft“, lud er sie ein.

Warum eigentlich nicht, dachte sie sich und be­trat das Abteil. Sie manövrierte ihre Reisetasche auf die Ablage oberhalb der Sitze und stellte den Korb neben sich auf einen freien Sitz ab. Sie selbst nahm Herrn Wolff gegenüber am Fenster Platz.
Also Sie fahren auch nach Frankfurt?“, hakte sie nach, um einen Smalltalk in Gang zu setzen.
Ja, ich habe dort etwas geschäftlich zu erledi­gen.“
Bei diesem Satz fiel der Achtzehnjährigen auf, dass sie eigentlich gar nichts von ihrem Nachbarn wusste, obwohl sie schon ein paar Jahre Tür an Tür nebeneinander wohnten. Bis auf ein freundli­ches „Guten Tag“ und einen kurzen Smalltalk im Treppenhaus, hatten sie noch nie wirklich viel miteinander gesprochen. Ihr schien es daher selbstverständlich mal nachzufragen, was ihr Ge­genüber beruflich machte.
Darf ich fragen, was Sie eigentlich beruflich machen?“
Ich bin Banker.“
Dann passt es ja, dass sie in die Bankenstadt Frankfurt fahren.“
Genau“, bestätigte Herr Wolff leicht lächelnd. „Und was haben Sie in Frankfurt vor?“
Ich besuche meine Großmutter.“
Das ist aber nett“, befand er. „Wohnt Sie direkt in Frankfurt oder etwas außerhalb?“
Sie wohnt in Sachsenhausen, in der Nähe von der Schweizer Straße, falls sie das kennen.“
Ja, natürlich kenne ich die Schweizer Straße. Wenn ich in Frankfurt bin, gehe ich dort gerne mal was essen, zum Beispiel im Gemalten Haus.“
Handkäs mit Musik“, schwärmte Ruth ver­träumt. Darauf hatte sie jetzt auch Lust.
Genau“, lachte Herr Wolff leicht. „Vielleicht können wir uns da auch mal in den nächsten Ta­gen treffen und gemeinsam essen.“
Das ging der jungen Frau nun etwas zu weit. Sie nickte und lächelte höflich, fand diese Einla­dung aber ziemlich unangenehm. Daher wollte sie nichts versprechen. Aber sofort abzulehnen, hielt sie für unhöflich. Sie beschloss, schnell das The­ma zu wechseln.
Waren Sie schon oft in Frankfurt?“
Ich muss da regelmäßig hin.“
Ehrlich?“, hakte sie erstaunt nach. „Ich bin dort geboren. Wir sind erst vor ein paar Jahren nach Hamburg gezogen.“
Ich weiß.“ Er lächelte sie erfreut an, wobei er die Augen stark zusammenkniff.
Haben Sie auch noch Familie in Frankfurt, die Sie besuchen?“, wollte Ruth wissen.
Da erlosch das Lächeln in Herrn Wolffs Gesicht und er lenkte seinen Blick nach draußen. Ver­träumt sah er ins Leere. Verwundert schaute Ruth nun auch nach draußen und erwartete eine Ant­wort. Der Zug fuhr schnell an Bäumen und Sträu­chern vorbei. Die Sekunden vergingen und die Stille zwischen den beiden war der Achtzehnjähri­gen sehr unangenehm. Schließlich brach Sie das Schweigen:
Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“
Schon in Ordnung“, antwortete er schließlich. „Aber ich habe keine Verwandten mehr in Frank­furt. Lassen Sie uns bitte über etwas Erfreuliche­res sprechen.“
Nun schämte sich Ruth ein wenig. Anscheinend hatte sie ein unangenehmes Thema angeschnitten und das war ihr jetzt peinlich. Aber andererseits fand sie seine Reaktion ziemlich seltsam.
Er ist aber ein komischer Kauz, sagte sich selbst.

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