Sonntag, 30. Oktober 2016

[Er wartet auf dich] Kapitel 2

Hast du alles?“, fragte die Mutter noch besorgt, als Ruth mit ihrer großen Reisetasche aus ihrem Zimmer kam.
Ich muss nur noch den Präsentkorb aus der Küche holen und dann können wir los.“
Hast du auch deine Tasche gekennzeichnet?“, hakte die Mutter weiter nach. „Ich meine, falls sie verloren geht.“
Mama, ich fliege doch nicht mit dem Flugzeug. Die Tasche werde ich die ganze Zeit bei mir ha­ben.“
Nur zur Sicherheit, Liebes“, erklärte ihre Mut­ter.
Ja ja“, entgegnete sie leicht genervt, „ich habe ein Schildchen geschrieben und es an die Tasche befestigt. Zufrieden? Wo ist Papa?“
Er wartet schon im Auto“, gab die Mutter hek­tisch zurück. „Komm jetzt schnell, sonst verpasst du noch den Zug.“
Eilig verließen sie die Wohnung und sprinteten die Treppen herunter. Jetzt war keine Zeit, auf den Aufzug zu warten. Der Vater stand schon mit dem Auto an der Straße. Der Motor röhrte bereits. Schnell packte Ruth ihre Tasche und den Korb in den Kofferraum. Ihre Mutter setzte sich auf den Beifahrersitz und die Achtzehnjährige sprang auf den Rücksitz.
Gib Gas, Papa“, forderte sie auf und da fuhr ihr Kombi bereits die Straße hinunter.
Durch den Verkehr kam die Familie recht gut durch, doch da sie sowieso schon spät dran war, musste sie sich wirklich sputen. Als die Drei das Auto am Bahnhof abgestellt hatten, sprinteten sie zum Gleis.

Schwer atmend kamen sie am Gleis an. Der Vater stellte die Tasche ab.
Eine Minute vor Abfahrt“, sagte er.
Ruth stützte sich mit den Händen an den Knien ab und keuchte.
Aber warum ist denn der Zug dann noch nicht da?“, wunderte sich die Mutter.
Alle schauten gleichzeitig auf die Anzeigetafel und seufzten.
Der Zug hat 25 Minuten Verspätung“, hieß es. Die Familie hatte sich umsonst abgehetzt.
Da hätten wir es ja ruhig angehen lassen kön­nen“, kommentierte die Mutter.
Das konnten wir ja nicht ahnen“, antwortete der Vater.
Nun standen sie da und warteten. Es war schon ziemlich kalt am Bahnsteig und so zog sich Ruth ihre rote Kapuze über den Kopf. Ihre langen braunen Haare hingen nach vorne heraus.
Ich hätte mir auch Mütze und Schal mitneh­men sollen“, sagte dann die Mutter. „Wenn ich ge­wusst hätte, dass ich hier länger stehen muss.“
Ihr könnt ruhig schon gehen, Mama“, forderte Ruth sie auf. „Ich kann hier auch alleine auf den Zug warten. Ich mache doch keine Weltreise. Ich besuche nur Oma.“
Das sind ja ganz neue Töne. Damals, als du auf Klassenfahrt gefahren bist, mussten wir am Bus warten, bis er losgefahren ist, um dir dann hinterher zu winken.“
Mama, ich bin keine Zwölf mehr.“ Ruth rollte mit den Augen.
So schnell werden sie erwachsen“, kommen­tierte der Vater grinsend.
Na gut, dann fahren wir wieder heim“, be­schloss die Mutter. „Ich friere wirklich sehr. Grüße Oma von uns.“
Mach ich“, bestätigte Ruth.
Lass dich noch mal drücken“, forderte die Mut­ter.
Ruth umarmte zuerst ihre Mutter und danach ihren Vater. Dann ließen sie ihre Tochter alleine. Bevor sie außer Sichtweite waren, drehte sich die Mutter noch einmal um und winkte ihrer Tochter zu. Ruth lächelte und winkte zurück.
Jetzt stand sie alleine da und wartete auf den Zug. Noch 15 Minuten. Sie kramte in ihrer Jacken­tasche und suchte nach den Kopfhörern für ihr Handy. Sie wollte sich die Zeit mit Musikhören ver­treiben. Sie stopfte sich die Kopfhörer in die Ohren und aktivierte ihren Musikplayer.
Gedanklich driftete sie ab. Sie freute sich, end­lich ihre Großmutter wiederzusehen. Endlich wür­de sie auch mal wieder ihre alten Freundinnen se­hen und mit ihnen auf der Frankfurter Zeil shop­pen gehen. Bei diesen Gedanken musste sie lä­cheln.
Doch dann jagte ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Sie fror, denn der kalte Wind wehte ihr ins Gesicht, sodass sie den Zug sehnlichst er­wartete, um sich darin aufzuwärmen. Endlich sah sie ihn, wie er in den Bahnhof einfuhr. Und dann stieg sie ein.

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