Sonntag, 23. Oktober 2016

[Er wartet auf dich] Kapitel 1

Ruth liebte ihre Großmutter über alles. Als Kind war sie ständig bei ihr und sie unternahmen sehr viel miteinander. Sie erinnerte sich, wie sie ihr al­les Mögliche beibrachte. So lernte sie beispiels­weise Nähen und Häkeln von ihr, wobei sie am liebsten gemeinsam backten.
Verschiedenste Kuchen und Torten wurden her­gestellt, die sie dann der ganzen Familie vorset­zen konnten. Jedes Mal freute sich jemand über die leckeren Backwaren, die stets ein Genuss wa­ren. Deshalb entschied sich Ruth auch für eine Ausbildung zur Bäckerin. Gerade war sie im zwei­ten Ausbildungsjahr angekommen und sie war die beste in ihrem Jahrgang, was nicht zuletzt den Lehrstunden ihrer Oma zu verdanken war.
Doch leider sah Ruth sie nur noch selten. Ihr Vater hatte vor ein paar Jahren eine neue Stelle angetreten und so mussten sie von Frankfurt nach Hamburg ziehen. Ruth war sehr traurig darüber und lag ihren Eltern ständig in den Ohren:
Warum können wir nicht in Frankfurt bleiben? Was ist mit Oma?“
Doch niemand hörte einer Zwölfjährigen zu und so war der Umzug beschlossene Sache, ohne dass dem Mädchen ein Ohr geschenkt wurde.

Nun war Ruth gerade volljährig geworden und zum Geburtstag wünschte sie sich ein Ticket nach Frankfurt, um ihre Großmutter endlich mal wieder zu besuchen. Weihnachten verbrachte sie seit dem Umzug stets in ihrer Heimatstadt bei ihrer Großmutter. Jedes Jahr wurde sie entweder von ihrer Mutter oder ihrem Vater mit dem Auto nach Frankfurt gefahren, sodass sie ein paar Tage mit ihrer Oma Zeit verbringen konnte. Auch dieses Jahr sollte die Tradition nicht gebrochen werden. Allerdings würde sie nun das erste Mal alleine nach Frankfurt fahren. Darauf freute sie sich unge­mein.
Wie schnell du erwachsen geworden bist“, sagte ihre Mutter, als sie im Türrahmen stand und ihrer Tochter dabei zusah, den obligatorischen Ge­schenkkorb herzurichten. Jedes Jahr bekam ihre Großmutter einen Korb voller Leckereien von ihrer Enkelin geschenkt. Dafür backte sie stets selbst einen Schokoladenkuchen für sie. Den mochte ihre Oma am allerliebsten.
Ach, Mama“, entgegnete Ruth abwehrend. „Er­zähl doch keinen Blödsinn.“
Du wirst das schon irgendwann selbst erfah­ren, wenn du Kinder hast“, gab die Mutter lächelnd zurück. „Richtest du der Oma von uns ganz liebe Grüße aus?“
Natürlich, darauf kannst du dich verlassen.“
Moment“, fiel der Mutter gerade noch ein. „Ich gehe schnell in den Keller und hole eine Flasche vom guten Wein. Bringst du das der Oma von uns mit?“
Das ist eine gute Idee“, stimmte Ruth zu. „Den kann ich mit in den Korb packen.“
Als das Präsent fertig war, umwickelte sie den Korb mit durchsichtigem Geschenkpapier und ver­zierte das ganze mit roten Bändern. Rot war die Lieblingsfarbe ihrer Großmutter, genauso wie es auch Ruths Lieblingsfarbe war. Da waren sie sich einig.
In diesem Moment hörten sie, wie die Haustür aufgeschlossen wurde und der Vater nach Hause kam.
Hallo, Liebes!“ Er gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange und strahlte seine Tochter lächelnd an. „Ruth, ich habe dir was mitgebracht.“
Er hob eine Tüte einer kleinen Boutique in Frankfurt in die Luft. Ruth strahlte bis über beide Ohren.
Du hast doch nicht etwa...“, begann die Acht­zehnjährige.
Doch, das habe ich“, bestätigte der Vater.
Sofort brach das Mädchen in Jubelgeschrei aus und stürmte auf ihren Vater los, um ihn kräftig zu umarmen.
Danke! Danke! Danke!“, rief sie hoch erfreut und schnappte sich die Tüte. Darin befand sich eine rote Winterjacke, die sie vor einigen Tagen im Schaufenster der Boutique gesehen hatte, die ihr aber viel zu teuer war. Nun hatte sie der Vater ihr besorgt.
Noch ein kleines, nachträgliches Geburtstags­geschenk“, erklärte er grinsend.
Du bist der beste, Papa“, lobte sie ihn. Sofort holte sie das Teil aus der Tüte und zog es sich über. „Und was sagt ihr?“ Sie präsentierte ihr neu­es Kleidungsstück mit Stolz. Die Jacke saß per­fekt.
Sieht gut aus“, bestätigte die Mutter. „Und sie hat sogar eine Kapuze.“
Du schon wieder“, neckte Ruth ihre Mutter, die stets den Wert eines Gegenstand nach dem Prak­tischen und Nützlichen festmachte.
Na ja“, erklärte die Mutter, „man muss ja im­mer mit Regen rechnen. Diese Jacke wird dich schützen.“
Wie recht sie haben wird, konnte Ruth zu die­sem Zeitpunkt noch nicht erahnen.

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