Sonntag, 21. Februar 2016

[Elementum] Neue Mächte - Kapitel 4

Drei Wochen später war es soweit. Er verabschiedete sich von seinen Eltern und machte sich erneut auf den Weg nach Frankfurt, um ab jetzt im Haus 4E zu leben und zu lernen. Seine Eltern konnte er sehr gut davon überzeugen, dass seine sportlichen Aktivitäten gefördert werden würden, auch wenn dies nicht die Wahrheit war. Er wollte lieber den wahren Grund geheim halten, um seine Eltern zu schützen. Sie sollten ihr Weltbild nicht verlieren und nicht denken, dass ihr Sohn dort in Gefahr geraten könnte.
Voller Vorfreude fuhr er zum zweiten Mal mit einem Taxi vor dem Gebäude vor. Doch diesmal war das Internat belebter als in den Sommerferien. Diesmal lümmelten lauter Jugendliche vor dem Eingang zum Hof herum. Auch als er durch das Tor ging, war er von einer Schar Schüler umgeben. Viele schienen sich bereits zu kennen, da sie schon mindestens ein Jahr diese Schule besuchten. Allerdings wusste er auch, dass einige wie er ihren ersten Tag dort hatten, denn dieses Internat war eine reine Oberstufe. Als er vorher so darüber nachdachte, nahm er sich vor, nachzufragen, warum dies so ist und ob es vielleicht noch eine solche Schule für Jüngere gab.
Irgendwann erblickte er, dass eine kleine Bühne vor dem Unterrichtstrakt aufgebaut war. Dort standen nun anscheinend die Lehrkräfte, da Robin Rektor Quinn und Serafina Funke wahrnahm. Auch ein Mikrophon war aufgebaut und irgendwann sprach auch der ältere Rektor dadurch und bat um Ruhe.
Alle Schüler sammelten sich und blickten nun auf die Bühne zum Lehrkörper. Anscheinend war das ein jährliches Ritual nach den Ferien, denn Quinn begann mit einer Ansprache, die er wohl nicht zum ersten Mal von sich gab:
Liebe Schülerinnen und Schüler, wieder einmal sind die Sommerferien vorbei und ein neues Schuljahr beginnt. Für etwa ein Drittel von Ihnen ist es das erste Jahr im Haus 4E und damit beginnt eine neue Zeit. Sie werden sich neu kennenlernen und mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten umgehen lernen. Prüfungen erwarten Sie, für die Sie hart arbeiten müssen, was Ihnen die älteren unter Ihnen bestätigen werden. Für die ältesten unter Ihnen steht dieses Jahr das Abitur an. Bei uns bedeutet dies aber auch eine besondere Elementaristen-Prüfung, die zusätzliche Anstrengung erfordert. Dafür wünsche ich Ihnen allen Erfolg und Durchhaltevermögen sowie eine gute Zeit hier an unserem Institut.“
Die Schüler applaudierten ihrem Rektor zu und jubelten laut los. Robin freute sich über die gute Laune, sodass er gar keine Angst vor den Prüfungen hatte.
Und nun“, fuhr er nach dem Abklingen des Applauses fort, „bitte ich alle Schülerinnen und Schüler der zwölften und dreizehnten Klasse darum, ihr Zimmer aufzusuchen. Alle Neuankömmlinge bitte ich, sich zu ihrer Tutorin oder ihrem Tutor zu stellen. Sie erhalten Ihre Zimmernummer und Ihren Stundenplan. Morgen Früh um acht Uhr erwarte ich Sie in der Mensa zum ersten gemeinsamen Frühstück im neuen Schuljahr. Der Unterricht beginnt wie immer um neun Uhr.“
Robin war von dieser Uhrzeit überrascht. An seiner alten Schule begann der Unterricht bereits um Viertel vor acht, sodass er meist schon um halb sieben Uhr morgens aufstehen musste. Hier konnte er bis mindestens sieben Uhr noch schlafen. Er war sehr auf seinen Stundenplan gespannt.
Schließlich stellte sich der blonde Junge zu Serafina Funke. Zum ersten Mal sah er seine Mitschüler, die demselben Element zugeordnet waren wie er. Es mussten um die 15 Jungen und Mädchen sein. Er wunderte sich darüber, dass ein großer Teil von ihnen rotes Haar besaß, so wie seine Tutorin. Anscheinend war rotes Haar ein Zeichen für Feuer-Elementaristen. Aber es gab auch einige mit einer anderen Haarfarbe.
Die Lehrerin begrüßte jeden Schüler mit einem Händedruck und überreichte einen Schlüssel mit der Zimmernummer sowie einem Stundenplan. Sie erklärte kurz, dass die Schulbücher am nächsten Tag ausgegeben werden würden und bat die Jugendlichen, ihre Zimmer aufzusuchen.
Der Sechzehnjährige wusste, dass er sich das Zimmer mit einem Mitschüler teilen musste. Er war auf seinen neuen Mitbewohner gespannt. In einer solchen Situation war er noch nie gewesen, da er ein Einzelkind war und stets ein eigenes Zimmer hatte. Für ihn würde es eine neue Erfahrung werden, sich das Zimmer teilen zu müssen.
Er hatte die Zimmernummer C108, was bedeutete, dass er im C-Trakt war, welches für die Schlafräume der Jungen stand. Die erste Ziffer stand für das Stockwerk, was bedeutet, dass er in den ersten Stock musste. Die Zimmernummer war demnach die 08. Er stieg die Treppen des Gebäudes hinauf wie viele andere Schüler. Er konnte sich allerdings kein Gesicht merken, da es zu viele Eindrücke auf einmal für ihn waren. Er lief den langen Flur entlang und drängelte sich an den anderen vorbei. Schließlich erreichte er das Zimmer, welches allerdings schon aufgeschlossen war. Sein Mitbewohner musste also bereits im Zimmer sein.
Deshalb klopfte er zunächst an, um auf sich aufmerksam zu machen.
Komm ruhig herein“, ertönte es von innen.
Robin betrat das Zimmer mit seiner großen Reisetasche in den Händen und erblickte seinen neuen Mitbewohner.
Hallo“, begrüßte er den Rotschopf mit den Sommersprossen, der vor ihm stand.
Hallo!“, erwiderte er die Begrüßung. „Mein Name ist Ignaz Brenner. Aber alle nennen mich Iggy. Und wer bist du?“
Ich bin Robin“, antwortete der Sechzehnjährige. Er war über die freundliche Begrüßung seines neuen Mitbewohners sehr froh. Er schien sehr sympathisch zu sein. Besonders gut gefiel ihm seine moderne Kurzhaarfrisur, die er sich ein wenig seitlich nach oben stylte. Auch seine Klamotten waren modern. Er trug eine Designer-Jeans und ein grünes T-Shirt mit V-Ausschnitt, die eine durchtrainierte Brust erahnen ließ. Also glaubte Robin, auch einen möglichen Sportpartner gefunden zu haben.
Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich das Bett auf der linken Seite genommen habe.“
Ist schon in Ordnung“, entgegnete Robin ehrlich. Erst jetzt schaute er sich das Zimmer genauer an. Es war recht geräumig. In der Mitte war ein Fenster. Rechts und links davon standen die Betten mit einem Nachtschränkchen. Gegenüber des Fensters war die Eingangstür. Jeweils daneben standen gegenüber den Betten ein kleiner Kleiderschrank und ein Schreibtisch mit einem Stuhl. Über den Schreibtischen waren ein paar Bretter aufgehängt worden, die als Regale dienen würden. Ansonsten waren die Wände kahl.
Wir haben sogar ein eigenes Bad“, erklärte Iggy freudig. Und da entdeckte er auch schon eine weitere Tür, die seitlich neben seinen Bett abging. Robin stellte seine Tasche auf dem Bett ab und schaute sich das kleine Badezimmer an. Darin war gegenüber der Tür ein Spiegelschrank über dem Waschbecken. Darunter befand sich ein kleines Spülschränkchen. Links davon war eine Duschkabine, rechts die Toilette.
Nicht gerade groß, aber es reicht aus“, bemerkte er.
Für mich ist es ein Fortschritt“, erwiderte Iggy darauf. „Zuhause habe ich kein eigenes Bad.“
Ich doch auch nicht“, fügte Robin hinzu.
Sag mal, welches ist denn dein Element?“, wollte der Rotschopf wissen.
Feuer wie wahrscheinlich deines auch.“
Richtig! Woher weißt du denn das?“, grinste Iggy vielsagend. „Meine roten Haare haben mich verraten, nicht wahr?“
Du bist ja ein Fuchs“, bemerkte Robin ironisch. Er war davon überzeugt, dass sich die beiden gut verstehen würden.
Wir haben bestimmt auch den gleichen Stundenplan. Zeig mal her!“
Die beiden legten ihre Stundenpläne nebeneinander auf einen der Schreibtische. Und tatsächlich zeichnete sich ab, dass sie die gleichen Pläne hatten:


Zeit
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
08:00
Frühstück
Frühstück
Frühstück
Frühstück
Frühstück
09:00 - 10:30
TdE
Literatur
GL
TdE
Literatur
10:30 - 12:00
Mathematik
Grammatik
NaWi
Mathematik
Grammatik
12:00
Mittag
Mittag
Mittag
Mittag
Mittag
13:00 - 14:30
PS
Informatik
Sport
Musik
Kunst
14:30 - 16:00



PS







16:30 - 18:00
AG
AG
AG
AG
AG
18:00
Abendbrot
Abendbrot
Abendbrot
Abendbrot
Abendbrot

Das werden wohl lange Tage“, kommentierte Robin den Stundenplan. „Wir haben täglich bis 14:30 Uhr Unterricht und donnerstags sogar bis 16:00 Uhr.
Das ist wahr“, stimmte ihm Iggy zu.
Weißt du auch, was die Abkürzungen bedeuten. Also GL und NaWi kenne ich. Sie stehen für Gesellschaftslehre und Naturwissenschaft.“
Richtig“, bestätigte Iggy. „Das bedeutet, wir haben jeweils Politik, Geschichte und Geografie sowie Chemie, Physik und Biologie kombiniert.“
Aber was ist TdE oder PS?“, wollte der Sechzehnjährige von seinem neuen Mitbewohner wissen.
TdE steht für Theorie der Elemente. PS heißt Praxisschwerpunkt und da lernen wir mit unseren Begabungen praktisch umzugehen.“
Sind wir dann in Kursen unterteilt?“
Richtig“, bejahte Iggy. „Da haben nur wir Feuer-Elementaristen gemeinsam Unterricht. In den anderen Fächern werden mir den anderen Elementen vermischt. Unsere Schule möchte nicht, dass sich die einzelnen Elementaristen-Gruppen separieren. An anderen Schulen kann das anders sein. Es gibt Elementaristen, die nichts mit den Leuten anderer Elemente zu tun haben möchten.“
Das klingt ja wie Rassismus“, wunderte sich Robin.
Das klingt nicht nur so, das ist Rassismus. Wie du siehst, sind Elementaristen nicht schlauer als andere Menschen.“
Anscheinend... Schade eigentlich“, seufzte der Sechzehnjährige.
Aber darf ich dich mal fragen, warum du von dem allen keine Ahnung hast? Haben dir deine Eltern nicht erzählt, wie es hier so sein wird?“
Robin kam sich dumm vor. Sein Mitbewohner wusste so gut Bescheid, weil seine Eltern wahrscheinlich selbst eine solche Schule, wenn nicht sogar dieses Internat, besucht hatten. Aber er war komplett ahnungslos, weil er bis vor kurzem noch gar nicht wusste, dass es so was wie Elementaristen überhaupt gab. Nun musste er Iggy darüber aufklären:
Ich bin adoptiert und ich wusste bis kurz vor den Sommerferien gar nichts von meiner Begabung. Meine Eltern sind keine Elementaristen und wissen auch nicht, dass ich einer bin.“
Sag bloß!“, wunderte sich der Junge mit den Sommersprossen. „Dann bist du tatsächlich völlig ahnungslos. Dann muss ich dir wohl Nachhilfe erteilen.“ Bei dem letzten Satz lachte er los.
Ich wäre dir sehr dankbar“, entgegnete Robin und lachte mit. „Dabei fällt mir ein, dass mich interessieren würde, ob du vorher auch auf einer Elementaristen-Schule warst. Oder ist dies hier auch deine erste?“
Elementaristen besuchen eigentlich immer eine normale Schule, bis sie die 11. Klasse erreichen. Bis dahin lernen wir ein wenig von unseren Eltern. Erst in der Oberstufe lernen wir wirklich, wie wir mit unseren Fähigkeiten umgehen müssen. Wir dürfen unsere Fähigkeiten ohne Aufsicht sowieso erst einsetzen, wenn wir volljährig sind. Vor dem sechzehnten Lebensjahr sollten wir es eigentlich komplett sein lassen. Aber die meisten Eltern üben trotzdem schon ein wenig mit ihren Kindern.“
Und was ist mit Schülern, die gar nicht die 11. Klasse erreichen?“
Die können nach dem Schulabschluss noch eine spezielle Ausbildung absolvieren. Diese ist dann eben nicht so schullastig wie bei uns. Im Prinzip haben sie dann nur TdE und ihren Praxisschwerpunkt. Da wir aber noch unser normales Abitur machen wollen, müssen wir auch dementsprechend die gewöhnlichen Fächer absolvieren.“
Aber auf unserem Stundenplan fehlen die Sprachen. Wir haben keinen Sprachunterricht“, wunderte sich Robin.
Du kannst ja gerne eine AG besuchen, in der eine Sprache gelernt wird“, lachte Iggy. Als er sich beruhigt hatte, fügte er hinzu: „Normalerweise muss man auch eine Sprache im Abitur ableisten, aber unser Rektor hat bewirkt, dass für diese Schule eine Ausnahme besteht, weil wir noch andere Schwerpunkte haben. Frag nicht, wie er das angestellt hat, aber ich freue mich, keine Sprache mehr im Stundenplan zu haben.“
Robin fand es auch nicht so schlecht, obwohl Englisch eigentlich eines seiner Lieblingsfächer war. Aber er wusste auch, dass er mit den anderen Fächern völlig ausgelastet sein würde. Gerade da er noch keine Vorerfahrungen hatte wie seine Mitschüler, die von ihren Eltern lernen konnten, musste er sich besonders Mühe geben. Jedes gestrichene Fach konnte ihm nur zugute kommen.
Nun war zunächst einmal das Auspacken seiner Sachen an der Reihe. Am nächsten Tag würde er früh genug erfahren, wie der Unterricht sein würde. Den Sonntagabend wollte er erst einmal auf sich wirken lassen und über alles nachdenken. Für ihn war es ein ereignisreicher Tag gewesen.

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