Dienstag, 15. April 2014

[Alien Fighter] Kapitel 8: Hellsicht


Es war Nacht und im Haus eines Mitschülers von Damon quälte sich ein Junge in seinem Bett. Der Grund hierfür: Er hatte einen überaus realen Albtraum.
Darin sah er einen rothäutigen Jungen, wie er gegen eine seltsame blonde Frau kämpfte. Dabei spürte er, dass seine Fantasie ihm nicht nur gerade einen Streich spielte, sondern dass er auch bald selbst eine Rolle in dem Kampf dieser beiden seltsamen Figuren spielen würde.
Er hatte öfter solche vorausblickende Träume, die sich schon bald in der Wirklichkeit erfüllen sollten. Doch waren diese eigentlich immer von einer gewöhnlichen Natur. So wusste er beispielsweise einige Male vor einer Klassenarbeit, welche Fragen dran kommen würden oder er erahnte, wann ihn seine Großmutter besuchen kommen würde. Aber bei diesen vermeintlich irrealen Traum hatte er auch das bestimmte Gefühl, dass das nicht nur Täuschung war.
Schweißgebadet erwachte er aus seinem Traum und das ihm schon bekannte seltsame Gefühl war stärker denn je. Und diesmal bereitete es ihm gehörige Sorgen. Was bedeutete dieser Kampf? Um was ging es dabei? Und inwiefern betraf es ihn selbst?
Der Junge wusste das alles nicht. Und vor allem wusste er nicht, dass er Beelze und Lektra in seinem Traum sah.
Nach diesem Traum lag der Junge, bis sein Wecker ertönte, noch wach in seinem Bett. Er konnte nicht mehr einschlafen. Und so musste er sich völlig übermüdet auf den Weg zur Schule machen.
Auf dem Weg dahin kreisten seine Gedanken noch immer um den Traum, den er heute Nacht gehabt hatte. Er fragte sich, was er bedeutete und suchte in seinem Hirn nach einer Lösung.
Als er an einem Schaufester von einem Geschäft vorbei kam, erschrak er, denn er sah ein seltsames Bild vor sich, wo eigentlich sein Spiegelbild hätte sein müssen. Nicht der blonde, kurzhaarige Vierzehnjährige mit der bleichen Haut, der er war, stand ihm gegenüber, sondern ein Junge mit bläulicher Haut und dunkelblauen Haaren, dem mitten auf der Stirn deutlich ein drittes Auge prangte, das ihn anstarrte. Der Teenager rieb sich sofort die Augen, weil er sich einer Sinnestäuschung gegenüber sah, aber das Bild änderte sich nicht. Immer noch konnte er deutlich den Jungen mit der blauen Haut vor sich sehen.
Plötzlich kicherten ein paar Mädchen hinter ihm und er drehte sich um. Aber diese lachten anscheinend über ein Thema, das sie gerade besprachen und nahmen den Vierzehnjährigen gar nicht wahr. So widmete er sich wieder schnell dem Bild im Schaufester zu, aber dort war jetzt nicht mehr das seltsame Wesen mit den drei Augen zu sehen, sondern sein wirkliches Spiegelbild. Erst zögerte er für einen Moment, doch dann machte er sich eilend auf den Weg zur Schule.

Den ganzen Vormittag konnte sich der Junge nicht auf den Unterricht konzentrieren. Zu sehr verwirrte ihn, was er heute Nacht und vor der Schule sah. Zum Glück hatte er in den Pausen Zeit für sich allein, um sich Gedanken darüber zu machen. Er war nämlich ein Einzelgänger und hatte keine wirklichen Freunde. Viel lieber verbrachte er die freie Zeit alleine in der Schulbücherei und las ein Buch. Diesmal nahm er sich jedoch Zeit, im Internet nach Wesen mit drei Augen zu suchen, kam aber auf kein Ergebnis.
Nach der Schule wollte er schnell nach Hause, um weiter im Internet zu recherchieren. Daher rannte er schnell Richtung Ausgang und rempelte dabei aus Versehen einen Schulkameraden an. Als dieser sich umdrehte und sich entschuldigte, sah der Junge das Wesen mit der roten Haut und den Hörnern aus seinem Traum vor sich. Es war sein Mitschüler Damon. Irritiert blieb der Junge stehen und blickte seinen Gegenüber misstrauisch an.
„Claude ist dein Name, nicht wahr?“, sprach Damon etwas verunsichert. „Ist irgendetwas?“
Doch Claude sammelte sich schnell wieder, schob Damon zur Seite und verließ schnell das Schulgelände. Damon blieb etwas verwundert zurück. Jenny sah das ganze mit an und beschwerte sich über Claude:
„Eigentlich hat der dich angerempelt. Er hätte sich entschuldigen müssen und nicht du. Und stattdessen sagt er nichts und haut bloß ab.“
„Ach“, erwiderte Damon, „ist doch egal. Lass uns nicht darüber aufregen. Immer cool bleiben.“
„Kein Wunder, dass der immer so allein ist. Er kann wohl mit anderen Menschen nicht so umgehen.“
Kopfschüttelnd liefen beide auch auf das Schultor zu, um sich auf den Heimweg zu machen, nicht ahnend, dass sich Claude in einiger Entfernung versteckt hatte und nun Damons Verfolgung aufnahm. Er wollte unbedingt wissen, ob Damon wirklich das Wesen war, das er im Traum gesehen hatte. Was hatte das bloß zu bedeuten? Dieser Frage wollte er jetzt nachkommen, damit sein Traum für ihn endlich einen Sinn ergab und er nicht mehr darüber grübeln musste.

An einer Straßenecke verabschiedete sich Jenny von Damon. Sie hatte noch ein paar Erledigungen für ihre Eltern zu machen. So bog Damon allein in eine Seitenstraße, die in die Richtung seines Hauses verlief. Er spürte nicht, dass er von seinem Mitschüler Claude verfolgt wurde. Dieser befand sich in einem sicheren Abstand von ihm entfernt und wendete seinen Blick nicht von Damon ab.
Schließlich passierte der Vierzehnjährige einen Eingang zu einem kleinen Hundeweg, wo viele Leute mit ihren Haustieren Gassi gingen. Dieser Hundeweg wurde damals speziell für die Tiere eröffnet, damit weniger Leute ihre Dackel, Terrier und Doggen ihr Geschäft im öffentlichen Park verrichteten ließen. Für Damon war dieser Weg aber außerdem eine perfekte Abkürzung zu sich nach Hause.
Doch plötzlich erschien Lektra und versperrte Damon den weiteren Weg.
„Du hier?“, schrie Damon und alle Leute drehten sich nach ihm um.
Claude, der Damon natürlich weiterhin gefolgt war, erkannte sofort die seltsame Frau aus seinem Traum und versteckte sich hinter einem großen Baum. Er spürte, dass er seiner Erscheinung aus der Nacht näher kam und wartete gespannt auf die weiteren Geschehnisse.
„Diesmal mache ich dich fertig, Knirps“, drohte Lektra. „Nur wir beide. Du gegen mich. Jetzt und hier.“
„Aber was ist mit den ganzen Leuten hier?“
„Das interessiert mich doch nicht“, gab sie lachend zurück.
Die Passanten waren ziemlich schockiert und einige versuchten schnell, das Gelände zu verlassen. Einige neugierige Schaulustige blieben stehen, um zu schauen, was da wohl passierte. Das bemerkte Damon, der sich zu allen Leuten umdrehte und ihnen zurief:
„Hören Sie! Hauen Sie alle schnell ab! Bitte! Das hier könnte gefährlich werden. Diese Frau ist keine normale Dame. Bitte verschwinden Sie und bringen sich in Sicherheit!“
Doch Damons Worte waren vergebens. Die Menschen reagierten nicht. Sie dachten eher, dass der Junge spinnte und das alles nicht ernst gemeint sein könnte. Da mischte sich Lektra ein und warf eine ihrer Bomben in die Luft, die laut explodierte.
„Haut ab, ihr miesen, kleinen Erdlinge!“, fauchte sie schrill und die Menschen erkannten, dass sie sich jetzt doch lieber aus dem Staub machen sollten. Schreiend rannten sie davon. Nur Claude blieb noch immer hinter dem Baum versteckt, auch wenn er nun ein wenig Angst bekam. Andererseits wollte er endlich wissen, was das alles zu bedeuten hatte.
Als Damon sich in Sicherheit wog, dass kein Mensch mehr in der Nähe war, rief er seinen Verwandlungsspruch:
„Capra, Alien Form!“ und Claude sah, wie die Haut seines Mitschülers sich rötlich färbte, seine Haare auch eine rote Farbe annahmen und ihm Hörner auf dem Kopf wuchsen. Zunächst erschrak er, aber im zweiten Moment sah er erneut seinen Traum sich vor seinen Augen abspielen. Er sah genau das, wovon er die vergangene Nacht geträumt hatte. Damon in der Gestalt eines seltsamen Wesens, das gegen eine ungewöhnlich aussehende Frau kämpfte.
Bomben explodierten und Damon schleuderte Feuerbälle auf Lektra. Überall waren Feuer und Flammen, aber Claude konnte alles klar erkennen. Ihm wurde die Sicht von dem Rauch nicht versperrt. Schließlich wusste er auch, wieso: Sein drittes Auge zeigte sich erneut auf seiner Stirn, welches ihm erlaubte mehr zu sehen, als wohl ein normaler Mensch sehen würde. Er fühlte mit seinen Händen das dritte Auge auf seinem Kopf, was ihn nicht erschaudern ließ, wie man es vielleicht erwarten würde. Stattdessen kam ihm das Gefühl vertraut vor und gar nicht unbehaglich. Da wusste er, dass er selbst auch nicht nur ein gewöhnlicher Junge war und er entschloss sich kurzerhand aus seinem Versteck zu kommen. Er trat vor den Baum hervor und Lektra erblickte zuerst den Jungen mit den drei Augen.
„Was haben wir denn da?“, wunderte sie sich.
Damon drehte sich auch um und erkannte seinen Mitschüler Claude. Zuerst sah er das dritte Auge nicht, aber dann erschrak er und hielt sich die Hand vor den Mund.
„Dieser Junge hat drei Augen“, sprach Lektra mehr zu sich selbst als zu Beelze. „Das muss eines der Säuglinge sein, welches Lucius hierher brachte. Dieser Junge muss vom Planeten Ajna stammen.“
Beelze sah seine Widersacherin an und kapierte schnell, dass sie Recht hatte. Der dritte im Bunde war gefunden und so eilte er schnell zu Claude.
„Claude“, sprach er ihn an, „hör mir gut zu. Du musst dich konzentrieren und folgendes ausrufen: Ajna, Alien Form!“
Claude schaute das Wesen mit den Hörnern, den er eigentlich als seinen Schulkameraden Damon kannte, misstrauisch an, nickte aber, schloss seine drei Augen und murmelte mit großer Anstrengung:
„Ajna, Alien Form!“
Und Beelze und Lektra sahen die Veränderung des blonden Jungen. Seine Haut nahm eine bläuliche Färbung an und seine Haare wurden langsam auch dunkler, bis sie völlig blau waren. Claude öffnete die Augen und betrachtete seine Hände. Dann nickte er Beelze zu und forderte:
„Sag mir, was bin ich?“
„Du bist ein Alienkind, genau wie ich“, freute sich Beelze euphorisch. „Ich habe auch erst vor kurzem davon erfahren. Wir wurden als Babys auf die Erde und in die Obhut von menschlichen Familien gebracht. Unsere irdischen Eltern wissen nicht, dass wir nicht ihre leiblichen Kinder sind, weil ihr Gedächtnis manipuliert wurde. Und nun ist die Erde in Gefahr und wird von solchen Außerirdischen wie die da“, wobei er auf Lektra zeigte, „angegriffen. Wir müssen sie aufhalten und die Erde beschützen.“
Nach diesen Erklärungen nickte Claude erneut, drehte sich um und lief langsam davon. Beelze war total irritiert.
„Warum läufst du weg?“, wollte er wissen. „Wir sind ein Team und müssen Lektra aufhalten. Bleib hier!“
Doch Claude interessierte das nicht und so haute er ab und ließ Beelze mit Lektra allein zurück.
„Tja, da lässt dich wohl jemand im Stich“, kicherte Lektra mit ihrer schrillen Stimme. Dann holte sie eine neue Bombe hervor und wollte sie gerade auf Beelze werfen, als sie jemand von hinten zu Boden stieß. Es war Audia.
„Schnell, Beelze! Renn!“
Bevor die Bombe in Lektras Hand explodierte, rannten die beiden Alienkids davon. Verletzt blieb Lektra auf dem Boden des Hundeweges liegen, bis Soll Datt mit Heildas kam, um sie abzuholen.

Später erzählte Damon seinen Freunden von den Geschehnissen rund um Claude. Jenny und Mei waren sehr verwundert, aber sie kannten Claude auch von der Schule her und wussten, dass er eher ein Einzelgänger war. Mei erklärte:
„So viel ich weiß, heißt er mit Nachnamen Chevrier. Seine Familie stammt aus Frankreich und bis letztes Jahr besuchte Claude hier auch eine französische Privatschule. Doch seine Eltern konnten sich das nicht mehr leisten, weshalb er auf unsere Schule wechselte. Er war von Anfang an eher der Typ, der sich allein mit sich selbst beschäftigt und sich immer alleine auf dem Schulhof herum treibt. Er hat keine Freunde und auch nachmittags ist er in keinem Verein angemeldet. Ich habe gehört, er soll sich sehr gut mit dem Computer und Internet auskennen. Vielleicht hat er dort seine Freunde.“ Bei dem letzten Satz musste sie kichern.
„Sei nicht so fies!“, ermahnte sie Jenny. „Das klingt sehr traurig.“
Nun mischte sich auch Heildies ein:
„Er ist eben ein typischer Junge vom Planeten Ajna. Die Bewohner des Planeten waren gerne unter sich, da sie die Fähigkeiten der Hellsicht hatten. Sie konnten eben mehr sehen als alle anderen und das warf viele Probleme auf. Sie konnten in die Vergangenheit oder Zukunft anderer Leute sehen und verloren so das Vertrauen in sie. Ihr wisst ja, wie böse manche Menschen sein können und bei den Bewohnern der Winkelgalaxie war das nicht anders. Deswegen kapselten sie sich von der Gesellschaft anderer Planeten ab und verzogen sich auf ihren schattigen Planeten, der hinter sieben Monden lag. Daher ist ihre Haut auch so bläulich und kühl. Nur untereinander fühlten sie sich wohl, weil ihre Fähigkeiten des dritten Auges bei Gleichgesinnten nicht funktionierten.“
„Das erklärt wirklich einiges“, stimmte Jenny zu.
„Und wie heißt Claude wirklich? Also wie war sein Geburtsname?“, wollte Damon unbedingt wissen.
„Seine Eltern tauften ihn Triclops“, gab Heildies stolz zurück.
„Und was sollen wir nun tun?“, warf nun Mei ein.
„Wir müssen ihn dazu bringen, dass er sich unserem Team anschließt“, sprach Damon zuversichtlich. „Wir können jede Hilfe gut gebrauchen.“
„Das stimmt, aber das wird nicht sehr leicht werden“, seufzte Heildies, der sich am besten mit den Bewohnern vom Planeten Ajna auskannte und somit sehr gut erahnen konnte, wie es mit Claude oder besser gesagt Triclops zugehen würde.

Währendessen saß Claude zuhause vor seinem Computer und versuchte Informationen über den Planeten Ajna zu finden. Natürlich fand er nichts, was ihn nicht wunderte.
Dass er ein Alienkind war, ahnte er ja schon länger und heute wurde es zu einer Gewissheit. Doch was bedeutete das für ihn? Eigentlich nichts. Er beschloss sein Leben so fortzuführen, wie es bisher war. Die Probleme mit seinem dritten Auge waren schon groß genug. Dann musste er sich doch nicht noch auch für die Rettung der Welt einsetzen. Seine seherischen Fähigkeiten konnten sowieso nichts dazu beitragen, dachte er sich. Er konnte diese Fähigkeiten ja nicht kontrollieren. Sie kamen, wie sie wollten und wann sie wollten. Ansonsten war er auch nicht sehr stark und wahrscheinlich Damon bei seinem Kampf gegen die seltsame Alienfrau im Wege. In seinem Traum und auch heute nach der Schule erlebte er, dass Damon sehr gut allein zurecht kam. Warum sollte er sich dann auch noch in diese ganze Sache einmischen? Das sah Claude nicht ein und so war der Entschluss für ihn endgültig gefasst.
Zwar hatte er die Gewissheit nun erlangt, dass er kein normaler Mensch war, aber er wollte trotzdem so wie einer leben. Und so nahm er sich vor, am nächsten Tag ganz normal in die Schule zu gehen und mit Damon oder sonst irgendjemanden nicht über diese ganze Sache zu reden. Er würde so tun, als hätte das ganze heute gar nicht stattgefunden.
Mit diesen Gedanken legte er sich in sein Bett und schlief ein. Und dieses Mal hatte er auch keinen hellseherischen Traum.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen