Donnerstag, 20. März 2014

[Schreiblust] Heimatlos

Erkans Eltern kamen vor über 20 Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Vor 15 Jahren wurde er hier geboren. Da zuhause nur türkisch gesprochen wurde, lernte er im Kindergarten seine ersten deutschen Worte. In der Grundschule hatte er schon einen beachtlichen Wortschatz. Allerdings merkte man, dass seine deutschen Mitschüler die deutsche Sprache besser beherrschten als er.
Zuhause sprach er weiterhin türkisch mit seiner Familie. Aber auch da bildete sich die Sprache nicht richtig aus. Jedes Jahr, wenn sie in "die Heimat" reisten, kritisierten ihn seine Tanten und Onkel für seine schlechten Sprachkenntnisse.
"Du musst richtig türkisch sprechen", mahnte ihn Onkel Murat.
"Warum sprichst du so schlecht?", erkundigte sich Cousine Elif.
Erkan fühlte sich dabei immer schuldig. Er würde so gerne seine Muttersprache besser beherrschen.
In Deutschland kritisierten ihn seine Lehrer:
"Deine Eltern müssen zuhause Deutsch mit dir sprechen, sonst kannst du deine Kenntnisse nicht weiterentwickeln", hieß es immer. Das führte soweit, dass Erkan einen zusätzlichen Deutschkurs besuchen musste.
Doch schlimmer als seine Lehrer waren seine Mitschüler, die ihn hänselten.
"Lern mal richtig deutsch", beschimpften sie ihn. "Oder geh' doch zurück in die Türkei."
Bei solchen Worten fragte er sich, warum sie ihn irgendwohin zurückschicken wollten. Er war doch in Deutschland geboren worden. Und in der Türkei passierte quasi das gleiche und er wusste, dass ihn seine türkischen Verwandten eigentlich für einen Deutschen hielten, der nach Deutschland gehörte.
Erkan war deshalb sehr verzweifelt. Er war nicht türkisch genug für einen Türken und nicht deutsch genug für einen Deutschen. Was war denn nun seine Heimat? Er dachte lange darüber nach und wusste keine Antwort.
Schließlich beschloss er das Thema in seiner Klasse anzusprechen. Die Klassenlehrerin fand es gut, dass er darüber sprechen wollte. Daher räumte sie eine Stunde ein, in der die Schüler untereinander darüber diskutieren konnten.
Jeder äußerte seine Meinung und jeder ließ die anderen ausreden. Endlich verstanden Erkans Mitschüler sein Dilemma und zeigten Verständnis. Zum Schluss versprachen sie, ihn nicht mehr auf diese Weise zu beschimpfen.
Am Ende der Stunde ergriff die Lehrerin erneut das Wort. Erkan lauschte ihren Worten aufmerksam. Sie prägten sich in sein Hirn ein und er hatte das Gefühl, nun wirklich etwas für das Leben gelernt zu haben. Denn die Lehrerin sagte Folgendes:
"Heimat ist das, was du zu deiner Heimat machst. Es spielt dabei keine Rolle, was die anderen davon halten. Du wählst deine Heimat und gestaltest sie."
Von nun an beschloss Erkan, dass er sich nichts mehr einreden ließ. Er übte weiterhin beide Sprachen, aber nicht für seine Mitmenschen, sondern für sich selbst.

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